Virtualität

Dass zwischen Körper und Geist ein unmittelbarer kausaler Zusammenhang besteht, ist eine Tatsache. Nicht nur zahlreiche wissenschaftliche Fakten, auch die eigene Erfahrung beweist, dass körperliche und geistige Bewegung korrelieren. Doch sowohl die körperliche wie auch die geistige Bewegung nimmt ab. Nebst all den positiven Errungenschaften der Digitalisierung hat diese auch eine Bildschirmorientierung und eine damit einhergehende – körperliche und geistige – Passivität zu Folge, welche sich wie ein Flächenbrand ausbreitet. Bereits zehn Prozent der Vier- bis Fünfjährigen haben in ihrem Zimmer einen eigenen Fernseher. Die Jugendlichen sitzen täglich mehrere Stunden in Konsumhaltung vor dem Bildschirm oder dem Display. Das hat Auswirkungen: Bewegungsarmut, Beziehungslosigkeit zum eigenen Körper, Entwicklungsdefizite, gesundheitliche Folgeerscheinungen, um nur einige zu nennen. Viele Menschen erleben die Welt zunehmend aus dritter Hand, per Mausklick oder Knopfdruck. Orte des Lernens müssen deshalb (wieder) zu Orten der Aktivierung werden. Des Tuns. Des Herstellens. Des Handelns. Denn Lernende brauchen Bewegung.

Welt aus der Steckdose

Gleichsam wie Stroboskope blitzen die unendlichen Angebote, Verlockungen und Reize einem heute als unausgesprochene Aufforderung aus Internet, Smartphone und Bildschirm entgegen. Hier zu widerstehen fällt schwer, Kindern und Jugendlichen noch weit schwerer als Erwachsenen. Zitat eines Viertklässlers: «Ich spiele lieber drin, wo die Steckdosen sind.» Und tatsächlich: Etwa 90 Prozent ihrer Zeit verbringen Kinder und Jugendliche drinnen. Und damit es ihnen nicht langweilig ist, lassen sie sich berieseln und beflimmern. Gamen, surfen, zappen, scrollen heissen die Zauberworte – kurz: online sein, connected sein, up-to-date sein, oft angetrieben von der Angst «of missing out» («FOMO»). Stundenlang und bis in den Morgen hinein, oft über die Grenzen jeden Geschmacks und jedes Masses hinaus.

In praktisch jedem Haushalt, in dem Kinder aufwachsen, stehen ein Fernseher und ein Computer mit Internetzugang. Fast die Hälfte der Kinder haben ein eigenes Gerät in ihrem Zimmer und damit unbeschränkten Zugang zu allen Inhalten.

Gerätebesitz im Haushalt. Quelle: JAMES-Studie 2016

Und es ist sonnenklar: Wenn junge Menschen so viel Zeit sitzend oder liegend vor Bildschirmen verbringen, bleibt das nicht ohne Folgen: Manfred Spitzer gibt zu bedenken: «Die negativen Effekte der Medien auf den Körper werden nur noch von einem übertroffen: den negativen Auswirkungen auf den Geist, nimmt man die kognitiven, emotionalen und personalen Prozesse zusammen. […] Jugendliche haben zunehmen Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, etwas zu lesen und zu verstehen oder gar einen zusammenhängenden Text zu Papier zu bringen. Ihre Fähigkeit zur Konzentration und zur Versprachlichung von Gedanken hat ebenso abgenommen wie ihre soziale Kompetenz. Denn zur Dummheit gesellt sich eine merkwürdige Dumpfheit. Viele Jugendliche wissen nicht mehr, wie man sich verhält und benimmt: Wenn zwei sich streiten, dann schreitet man nicht ein, sondern zückt das Handy und filmt das Ganze.» (Spitzer 2010)

Den digitalen Menschen kommt die Welt abhanden: Bewegungsarmut, eine zunehmende Beziehungslosigkeit ist eine, die abnehmende «Bodenhaftung» mit entsprechender Entfremdung zur realen Welt eine andere Begleiterscheinung. Vor den Bildschirmen treffen nämlich drei Faktoren aufeinander, die massgeblich das Verhalten der Menschen beeinflussen: die Qualität der Inhalte, die Menge an Zeit und der Grad an Eigenaktivität.

Stichwort Qualität

Der amerikanische Medienkritiker Neil Postman ahnte schon vor vielen Jahren: «Wir amüsieren uns zu Tode.» Und in der Tat: das mediale Dauerfeuer des belanglosen Schwachsinns gibt ihm recht. Kein Thema scheint den heutigen Quotenjägern zu seicht und keine Show zu einfältig zu sein. Doch das klassische Fernsehen wird dabei mehr und mehr durch neue Varianten digitaler Onlinedrogen verdrängt. Die Verbreitung des Internets über alle möglichen Kanäle und handlichen Geräte hat eine neue Dimension in die Mediennutzung gebracht. Bereits kleine Kinder sind in der hochgetakteten Cyberwelt zu Hause, und immer wieder zu beobachten ist, wie sich auch schon Babys in besonderer Art und Weise für Handys interessieren – einfach, weil sie wahrnehmen, dass ihre Umgebung diesem Ding viel Aufmerksamkeit schenkt. Kinder und Jugendliche haben die Möglichkeit, sich von überallher alles Mögliche und Unmögliche auf Bildschirme und Displays zu holen. Und das tun sie auch. Oft unkontrolliert. Und oft ohne Mass. Das hat zur Folge, dass bereits die Jüngsten mit Themen und Situationen konfrontiert werden, die schlicht und ergreifend nicht für sie bestimmt sind, die ihrem Entwicklungsstand nicht entsprechen und die sie dementsprechend nicht in adäquater Weise regulieren und verarbeiten können. Kein Wunder also, dass im Sorgenbarometer der Schweizer Bevölkerung dubiose Geschäftspraktiken und Pornografie im Internet weit oben rangieren – zusammen auch mit «Überschuldung durch unkontrollierten Konsum».

Allein schon der ungehemmte Zugang zu all den digitalen Müllhalden auf dem Internet stellt für die meisten (jungen) Menschen eine Überforderung dar. Immer mehr öffnen sich aber auch die Abgründe über der interaktiven Mitgestaltung der Cyberwelt. Und nicht wenige Jugendliche machen es sich zur persönlichen Challenge, hinter dem Rücken aller Instanzen den Zugang zur Unterwelt des Darknets zu finden. Schön und gut, wenn Menschen dank des World Wide Web und der modernen Technik zueinanderfinden, Gleichgesinnte treffen, Kontakte knüpfen und sich quasi permanent digital in die Arme fallen können. Doch im Cyberspace werden keinesfalls nur Nettigkeiten ausgetauscht. Im Gegenteil: Der Rufmord im Netz gehört zum normalen Alltagswahnsinn. Wir alle wissen mittlerweile um ein Opfer in unserem engeren oder weiteren Umfeld. Und wir leben inmitten von «Anonymitätern», die sich auf den digitalen Netzweg begeben, um anderen zu schaden und sich dabei verdeckt halten. Dass sich die Cyberwelten als «soziale Netzwerke» bezeichnen, mutet dabei schon fast zynisch an. Denn was ist daran sozial, wenn versteckte und offene Verunglimpfungen zur Tagesordnung gehören und fast jedes zweite Mädchen Cybergrooming ausgesetzt ist, d.h. mehr oder weniger direkt mit sexuellen und pornografischen Themen konfrontiert wird?

Stichwort Zeit

Der amerikanische Neurologe Daniel Levitin war der geistige Vater der sogenannten 10’000-Stunden-Regel. Er hat nämlich herausgefunden, dass Menschen, die in irgendeiner Sache wirklich Spitze sind, sich etwas zehntausend Stunden damit beschäftigt haben. In den Vereinigten Staaten verbringen Kinder und Jugendliche bereits rund einen Drittel des Tages mit digitalen Medien. Hierzulande bringen es die Kids im Durchschnitt immerhin auch auf stattliche fünf Stunden. Pro Tag. Siebenmal die Woche. Um auf die ominösen zehntausend Stunden zu kommen, reichen also gut fünf Jahre. Als «digital natives» sind die meisten Kinder demnach schon veritable Experten im Konsumieren von digitalem Fastfood, wenn sie den ersten Fuss in die Schule setzen.

In diesen zehntausend Stunden haben sie viel gelernt. Sie haben zum Beispiel gelernt, per Knopfdruck, Mausklick oder Touchscreen dafür zu sorgen, dass es ihnen nicht mehr langweilig ist. Damit haben sie sich zu Experten entwickelt für den sofortigen Lustgewinn. Die Folge dieses flächendeckenden Subito-Trainings ist ein Verlust an Gratifikationsaufschub. Dabei ist klar: Gerade diese Fähigkeit, also auf etwas kurzfristig Verlockendes zugunsten eines längerfristigen Ziels verzichten zu können, ist ein der Grundlagen des Lernerfolgs.

Übrigens: Die Zeit, die Kinder und Jugendliche in der Schule verbringen, beläuft sich im Durchschnitt eines Kalenderjahres auf etwas drei Stunden pro Tag. Das ist damit ein bisschen mehr als die Hälfte der Zeit, die die digitalen Medien in Anspruch nehmen…

Stichwort Aktivität

Einen erschreckend grossen Teil ihrer Lebenszeit werden Kinder und Jugendliche mit «Digitalitäten» zugeschüttet. In einer Art von Erfahrungs-Autismus verlernen sie vor allem eines: das Tun. Ihre Erlebniswelt schrumpft auf die Grösse eines Flachbildschirms oder eines Handydisplays zusammen.

Wer Tag für Tag etliche Stunden vor dem Bildschirm sitzt, muss ja die Zeit anderswo wettmachen. Gespart wird vor allem an Schlaf und Bewegung. Erwiesenermassen brauchen Körper und Geist für eine gesunde Entwicklung aber genau das: Schlaf und Bewegung. Die Bewegung hat dabei grundsätzlich schlechte Karten, denn sie ist kein Konsumgut. Da muss man schon etwas tun dafür. Und das ist natürlich um einiges unbequemer als drin bei den Steckdosen.

Die weitgehend sitzende und bewegungsarme Lebensweise der heutigen Jugendlichen bleibt nicht ohne Folgen: 90 Prozent kommen nicht mal annähernd auf den täglichen Bewegungsumsatz, den sie eigentlich nötig hätten. Oder anders gesagt: Nur dürftige 10% bewegen sich ausreichend!

Bewegungsempfehlung für Kinder und Jugendliche. Quelle: bak (2013)

Kinder bewegen sich also viel weniger als früher. Die Kilometer, welche der Zeigefinger beim Scrollen zurücklegt, geben da nicht viel her. Auch der Schulweg hatte noch vor ein paar Jahren einen anderen Stellenwert: Er war mitunter das Beste an der Schule.

«Jeden Morgen wartete Roberto vor den Briefkästen, dann gingen wir los: 1242 Schritte bis zur Schule, 1242 Schritte voller Abenteuer. Durch die Unterführung hoch zu den grauen Blockbauten, vorbei an einem Holzzaun, der heute noch genau so riecht wie damals, vorbei am Haus der Freulers, von denen es hiess, sie hätten eine zwei Meter grosse Dogge, obwohl, gesehen haben wir sie nie, vorbei am Haus der Niederwiesers, unserer Religionslehrerin, deren Wintergarten wir je nach Jahreszeit mit Schneebällen oder Erde bewarfen. Neben meinem Siegestor gegen den fiesen FC Dübendorf und den Sommersprossen meiner Nachbarin von schräg gegenüber blieb mir aus meiner Kindheit nichts lebhafter in Erinnerung als mein Schulweg. Jede Strassendelle, jeder Riss im Beton, jedes Gebüsch erzählt eine Geschichte: die Treppenstufe, über die ich fiel, als ich nach Hause rannte, um die Abfahrt der Herren nicht zu verpassen: Peter Müller wurde Vierter, ein Österreicher verlor seinen Stock, gewann trotzdem, und mein Knie, das blutete.

Der Gang zur Schule ist die erste Reise ohne Eltern. Zum ersten Mal allein unterwegs, zum ersten Mal alleine entscheiden: Wo geh ich durch? Welche Abkürzungen nehme ich? Und: Wie schaffe ich es, dass mich Jasmin bemerkt? Der Schulweg ist das Initiations-Ritual der Kindheit − und er stand noch nie so im Verruf wie heute. Deshalb beginnt für viele der 74 500 Erstklässler in der Schweiz morgen der erste Schulweg nicht auf dem Fussweg, sondern in der Tiefgarage. ‹Autofahrten ersetzen zunehmend den Schulweg zu Fuss›, heisst es in einer umfassenden Erhebung zum Verkehrsverhalten in der Schweiz. Und: Dieser Trend hat wohl erst begonnen. […]» (Batthyany 2007)

Blickpunkt Schule

Vor wenigen Schülergenerationen gehörte die Bewegung im Freiem zum normalen Alltag. Da war das Sitzen in der Schule eine Art Ausgleich. Heute ist es genau umgekehrt. Daraus ergeben sich entsprechend neue Aufgaben.

Schulen müssen zu Orten der Aktivierung werden. Des Tuns. Des Herstellens. Des Handelns. Dabei geht es mitnichten um die Frage einer zusätzlichen Turnstunde. Vielmehr geht es darum, sich als handelndes Wesen überhaupt wahrnehmen zu lernen.

Aktivität und Bewegung sollen als integrale Bestandteile des täglichen Schullebens erlebt werden. Zeigen, vergleichen, erklären, illustrieren, konstruieren, entwickeln, gestalten, modellieren, herausfinden, sichten, schneiden, messen, … – Lernen ist ein Prozess von sich wechselseitig beeinflussenden Tätigkeiten. Ein Wie, nicht ein Was. Dass sitzen und zuhören die am wenigsten geeigneten sind, wenn es um Lernen geht, ist schon fast eine Binsenwahrheit. Lernprozesse kommen in Gang, wenn eigenaktiv etwas hervorgebracht wird, und sei es auch nur eine Überlegung. «Wenn diese Koppelung mit konkreter Sinneswahrnehmung für einen Begriff nicht vorhanden ist, nie gelernt wurde, bleibt dessen Bedeutung vage. […] Begriffe sind verarmt, wenn während des Lernens nie die Möglichkeit bestand, die Gegenstände, auf die sie sich beziehen, auch zu hören zu sehen, zu riechen und zu fühlen. Das Wissen bleibt dann blutleer, so dass Menschen sich nicht wirklich einen Begriff von ihrer Umwelt machen können.» (Kiefer 2008)

Das Ziel heisst also: offline gehen, Aktivitäten initiieren. Dazu gehört sicherlich einmal der Sport, der neben der körperlichen Fitness auch noch Bereiche der sozialen und personalen Kompetenzen stärkt. Doch es ist nicht allein der Sport, es geht nicht einfach nur um zusätzliche Turnstunden. Es geht einerseits um ein umfassenderes Verständnis von Aktivität und andererseits um eine Verstärkung des unmittelbaren Weltbezugs. Dazu gehören auch echte Kontakte mit echten Menschen in echten Situationen und mit echter physischer Präsenz. Lernen durch Engagement, durch Einsatz, durch sinnstiftendes Tun, sei es im Naturschutz, in der Landwirtschaft, im sozialen Bereich – überall dort, wo das eigene Tätigsein eine unmittelbare und sinnvolle Wirkung zeigt. Das tut den Jugendlichen nicht nur gut, das macht sie auch stolz. Der Schule bieten sich aber auch im kleinen, normalen Rahmen eine Menge Möglichkeiten, die Lernenden aktiv und forschend Erfahrungen machen zu lassen – von der Physik am Bach über die Chemie beim Feuer entfachen bis hin zur Biologie unterwegs in der Natur.


Batthyany, Sacha: Die erste Reise des Lebens. Der Schulweg wird häufig aus dem Auto erfahren. In: NZZ Online. 19.08.2007

Jötten, Frederik: «Selbstkontrolle kann man lernen». Interview in Spektrum.de, 12.10.2015

Kiefer, Markus: Hirnforscher machen Klang der Begriffe sichtbar. Pressemitteilung der Universität Ulm, 25.11.2008

Müller, Andreas: Schonen schadet. Wie wir heute unsere Kinder (v)erziehen. hep Verlag. Bern. 2018

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: Vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2. Auflage 2013

Müller, Andreas: Die Schule schwänzt das Lernen. Und niemand sitzt nach. hep Verlag. Bern. 2013

Spitzer, Manfred: Im Netz. FAZ. 22.9. 2010

Spitzer, Manfred: Eine Maßnahme zur Verdummung. Zum «Digitalpakt» für Schulen, Deutschlandfunk Kultur. 12.10.2016

Bewegungsempfehlungen für Kinder und Jugendliche. Bundesamt für Kultur bak, 2013.

Der Marshmallow-Test. Durch Willenskraft zum Glück. Gespräch mit Walter Mischel. Sendung Sternstunde Philosophie, SRF, 22.3.2015

Fragen Sie das Marshmallow-Orakel. Interview mit Walter Mischel. Die ZEIT, 16.3.2015

Updated on 21. Mai 2018

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