Soziale Fitness

Wer sozial fit ist, beginnt bei sich und zeigt nicht mit dem Finger auf andere. Wer ein geschätztes Gegenüber sein will in der Schule, bei der Arbeit, im Privatleben, muss fähig und willens sein, Verantwortung zu übernehmen. Für sich und für andere. Sich zuständig zu fühlen, sich zuständig zu erklären, Verantwortung zu übernehmen, das ist wohl eines der fundamentalen Unterscheidungskriterien zwischen verschiedenen Menschen. Und Verantwortungsbewusstsein zeigt sich meist auch in Kombination mit einem Bewusstsein dafür, was moralisch «richtig» ist. Dazu gehört beispielsweise, dass man mit den Menschen spricht – und nicht über sie. Dazu gehört auch: beim Wort genommen werden zu können, verlässlich zu sein. Wer sozial fit ist, hat ein Gespür für Menschen und Situationen, erkennt und respektiert Bedürfnisse, kann «Bitte», «Danke» und «Entschuldigung» sagen. Er geht sorgfältig mit Menschen, Material und Umwelt um und weiss sich nützlich zu machen.  

Wenn ein Finger auf andere zeigt, zeigen drei auf dich

Menschen sind soziale Wesen. Im Normalfall leben und arbeiten sie mit anderen zusammen. Und im Idealfall bringen sie ihre eigenen Interessen mit jenen der anderen so unter einen Hut, dass alle gewinnen. Doch um mit anderen einigermassen klarzukommen, muss man sich selber irgendwie mögen und entsprechend die Verantwortung übernehmen – für seinen Gesichtsausdruck, für sein Gebaren für sein Tun.

«Wer sich selber nicht mag, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen.» (Friedrich Nietzsche)

«Unser Sohn hat keine Freunde.» «Niemand will mit unserer Tochter spielen.» Solchen Feststellungen wohnt häufig eine implizite Anklage inne. Und wo angeklagt wird, braucht es Schuldige. Die sind umgehend dingfest gemacht: die anderen. Wer denn sonst? Nur, so ganz eindeutig verlaufen die Grenzen zwischen «Opfer» und «Täter» nicht immer.

Und im Grunde genommen stimmt es ja auch: es sind «die anderen». Sie entscheiden, wen sie als Freund haben wollen. Und wenn «die anderen» finden, man sei eine fiese Ratte oder ein Kiffer oder ein Muttersöhnchen oder ein Trottel oder was auch immer – ja, dann war’s das halt mit der Freundschaft. Man kann allenfalls versuchen, sie sich in irgendeiner Währung zu erkaufen. Aber das ist und tut auf Dauer nicht gut. Oder einfacher: Man sucht die «Freunde» in sozialen Medien. Die nehmen jeden.

Fazit: Wer gute Freunde haben will, muss ein guter Freund sein. Dabei kann es meist nicht schaden, den Fokus auf eigene Verhaltensweisen zu richten und bei der Suche nach Fehlern den Spiegel zu benutzen und nicht das Fernglas. Das heisst: bei sich anzufangen – und bei der hilfreichen Frage (an sich selbst): Hast du dir schon mal überlegt, wer immer dabei ist, wenn etwas nicht so läuft, wie du es dir vorgestellt hast?

Sich zuständig zu fühlen, sich als zuständig zu erklären, Verantwortung zu übernehmen, das ist wohl eines der fundamentalen Unterscheidungskriterien zwischen Menschen. Und es zeigt sich meist auch in Kombination mit einem Bewusstsein dafür, was moralisch «richtig» ist. Dazu gehört beispielsweise, dass man mit den Menschen spricht – und nicht über sie.

Menschen schätzen Menschen, die sich zuständig und verantwortlich fühlen. Und auf die man sich verlassen kann.

Soziale Fitness als schulisches Lernziel lässt sich weder auf ein Schulfach mit Arbeitsblättern reduzieren noch auf eine Projektwoche und schon gar nicht auf den moralischen Zeigefinger. Schule und Lehrer brauchen gemeinsame geklärte und klare Werte- und Moralvorstellungen. Und das muss sich im alltäglichen Schulleben manifestieren. Es geht also keineswegs darum, immer nett zu sein. Pädagogisches Gutmenschentum ist nicht der Schlüssel. Vielmehr geht es um einen kontinuierlichen Erziehungsprozess auf der Basis transparenter Erwartungen. Wenn Wertschätzung spürbar ist und konstruktive Rückmeldungen den Weg weisen, dann entscheiden sich Lernende viel eher dafür, den Wunsch nach Kompetenzerfahrung mit ihrer Arbeit zu verbinden, sich mit Zielen, die ihnen überzeugend präsentiert wurden, zu identifizieren. Man nennt sie dann motiviert. Das verlangt Aufmerksamkeit und Achtsamkeit von Lehrpersonen und verbindet sich mit der Frage, ob sie fähig und willens sind, eine Art «sprechender Spiegel» für die Schüler zu sein, sie wahrzunehmen in sozialen Situationen, ihnen professionelle Feedbacks zu geben, sie zu konfrontieren ebenso wie – auch hier – sie beim Gutsein zu erwischen.

Auf diese Weise und über personale Bezugsnormen, also im Vergleich mit Modellen und «Vorbildern» können die Lernenden ein Gespür entwickeln für Menschen und Situationen. Ein soziales Gespür ist etwas, das schwer zu beschreiben ist – aber einfach festzustellen, wenn es fehlt. Es ist diese Fähigkeit, intuitiv zu merken, was in dieser Situation «richtig» ist. Passung herzustellen quasi.

Anschlussfähig nennt Niklas Luhman diese fluide Mischung aus Anpassung und Beeinflussung. Dazu braucht es etwas, das er als systemspezifischen Code bezeichnet hat, was man vereinfacht als gemeinsame «Sprache» bezeichnen könnte. Wenn die Passung nicht stimmt, gibt es Zoff – ob im Paradies, im Urwald oder in der Schule. Apropos «systemspezifischer Code»: Ein Gespür für Situationen zu haben äussert sich mitunter auch darin, sie – die Sprache – nicht zu gebrauchen, sondern ganz einfach auch mal die Klappe halten zu können und nicht jedem Mitteilungsbedürfnis nachzugeben.

«Jeder kann wütend werden – das ist leicht. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Mass, zu richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art – das ist schwer», fand bereit der antike Denker Aristoteles.

Kooperation zwischen Kopf und Bauch

Mit seinem Weltbestseller «EQ – emotionale Intelligenz» hat der Harvard-Psychologe Daniel Goleman vor zwanzig Jahren einen Nerv der damaligen Zeit getroffen. Und daran hat sich eigentlich nichts geändert. Seine Botschaft:

Ohne ein intaktes Gefühlsleben taugt der beste Intellekt nichts, denn beide Systeme, das emotionale und das rationale, stehen in beständiger, hochkomplexer Wechselwirkung.

Differenziert und anschaulich hat er dargelegt, dass der Umgang mit sich und mit anderen ein Schlüsselfaktor für den beruflichen und persönlichen Erfolg darstellt. Denn: Was nützt ein hoher IQ, wenn man ein emotionaler Trottel ist? Kopf und Bauch müssen kooperieren. Denn in der Begegnung mit anderen, erläutert Daniel Goleman, zeige sich zunächst «soziale Aufmerksamkeit, das heisst, ich erfasse die Welt emotional und verstehe sie.» Hinzu komme die «spontane Einfühlung in die Gefühlswelt des anderen», Die kognitive Ebene schliesslich gebe «ein mehr intellektuelles Verständnis davon, wie die soziale Welt funktioniert, also das Wissen um angemessenes Verhalten.» (Gatterburg 2010)

Eine ganz speziell beispielhafte Geschichte liefert Christopher Hughes. Er war Bataillonskommandant der 101. Airborne Division während des zweiten Irak-Krieges. Mit seinen Soldaten ging er auf eine Moschee zu, um den obersten Geistlichen der Stadt um Hilfe zu bitten bei der Verteilung von Hilfsgütern. Das Vorrücken der schwerbewaffneten Truppen versetzte die Bewohner in heftige Aufregung. Sie argwöhnten, ihr religiöses Oberhaupt solle verhaftet, vielleicht sogar die Moschee zerstört werden. Hunderte von aufgebrachten Muslimen umzingelten die Soldaten. Sie schrien mit erhobenen Fäusten und drängten sich bedrohlich auf die Soldaten zu. Die Stimmung war explosiv. Christopher Hughes war klar, dass er schnell handeln musste, um die Situation zu entschärfen. Er griff zum Megaphon und gab Order: «Auf die Knie!» Die Soldaten knieten sich nieder. Hughes liess die Mündungen der Waffen auf den Boden richten. Dann befahl er: «Lächeln!» Augenblicklich entspannte sich die Situation. Viele der Muslime erwiderten das Lächeln. Hughes wies seine Männer an, sich langsam – unentwegt lächelnd – ein Stück weit zurückzuziehen. Die Lage war gerettet.

Gespür zu zeigen bedarf zweierlei: Achtsam zu sein, die Situation «lesen» zu können, zu spüren was vor sich geht, sich ein Stück weit in die beteiligten Menschen einfühlen zu können. Das ist das eine. Das andere: klug und situationsadäquat zu handeln.

Sich nützlich machen

Es war eine äusserst peinliche Situation für Natalie Gilbert. Die junge Frau hatte die Chance erhalten, vor einem Spiel im Rahmen der amerikanischen Basketball-Playoffs die Nationalhymne zu singen. Mittendrin geriet sie ins Stocken und brachte plötzlich keinen Ton mehr hervor. Da stand sie nun auf der Bühne. Die Augen Tausender von Menschen auf sie gerichtet. Totenstille zuerst, dann Aufregung. Alle schienen darauf zu warten, dass etwas passiert. Und plötzlich, nach unendlich langen Sekunden, eilte der Coach der Blazers auf die Bühne, stellte sich neben Natalie Gilbert und begann, die Nationalhymne weiterzusingen. Allerdings: Gesang, das hörte man, das war keine Stärke des Basketball-Coaches. Dennoch fand Natalie Gilbert den musikalischen Tritt wieder. Und das ganze Auditorium unterstützte und begleitete sie bis zum finalen Ton. Was zum Fiasko zu werden drohte, endete in frenetischem Applaus. Für die Wende sorgte jemand, der sich in die Verantwortung genommen fühlte, sich nützlich zu machen und Natalie Gilbert über die peinliche Klippe hinwegzuhelfen. Einfach so!

Um sich nützlich zu machen, braucht es weder Basketball-Spiele noch ein vielköpfiges Publikum. Sich konstruktiv einbringen und sich engagieren für ein gutes Gelingen, das geht auch und vor allem im Kleinen. Vor allem im Kleinen. Denn alltägliche Situationen und Gelegenheiten sind weitaus zahlreicher als Playoff-Spiele. Und hier, in den Niederungen des Alltags, da wird sichtbar, wer sich als Zentrum der Welt fühlt und wer erkennt, dass es auch noch andere Menschen gibt, die Interessen und Bedürfnisse haben. Und dass es letztlich auch im eigenen Interesse sein kann, etwas zu geben, ohne gleich eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Wie der Coach der Blazers. Einfach so!

Wer sich nützlich macht, wer seine Hilfsbereitschaft anbietet, macht sich zu einem aktiven Teil des Geschehens. Er distanziert sich von den Menschen, die im Konjunktiv leben. Er handelt, auch wenn es nur darum geht, eine Türe zu öffnen, eine Tasche zum Auto zu tragen, den Weg zu Bahnhof zu erklären. Wer sich nützlich macht wird verbindlich – im doppelten Wortsinn.

Das trägt im Privatleben Früchte und es wirkt sich positiv auf das Arbeitsklima – also auch auf schulisches Lernen – und die entsprechenden Ergebnisse aus. Auftragskohäsion bezieht ihre Kraft aus der Kooperation der Menschen, sie sich füreinander nützlich machen. Das heisst: «soft skills» liefern «hard facts». Dienstleistungen haben die Tendenz, sich bezahlt zu machen. In jeder Beziehung.

Kleine Gesten – grosse Wirkung

Fit sein ist keine einmalige Aktion. Fitness ist eine Art Dauerzustand, für den man regelmässig etwas zu tut hat. Fitness bildet sich folglich aus der Summierung von Kleinigkeiten. Das ist auch bei sozialer Fitness nicht anders. Es sind die Kleinigkeiten, die zählen. Aber: Die Kleinigkeiten stehen in einer Wechselbeziehung zu Achtsamkeit gegenüber Menschen und Situationen. Ganz elementares Anstandsverhalten beispielsweise, Selbstverständlichkeiten eigentlich: «Bitte» sagen «Danke» und insbesondere auch «Entschuldigung». Die Hand vor den Mund halten beim Gähnen. Die Liste lässt sich beliebig verlängern. Es geht darum, sich eines gewissen Respekts zu befleissigen. Allerdings: «Respekt» hat sich zum Terminus der politisch korrekten Weltverbesserung entwickelt, abstrakt genug, um vor allem die anderen dafür verantwortlich machen zu können. «Rücksicht nehmen» klingt praktischer und auffordernder. Rücksicht nehmen, das zeigt sich in den kleinen Gesten des praktischen Alltags. Dazu gehört beispielsweise, Abfälle in Abfalleimer zu werfen und nicht der grassierenden Unsitte zu folgen, alles einfach achtlos wegzuwerfen oder liegenzulassen. Dazu gehört auch, sein Handy so zu benützen, dass nicht alle anderen mithören müssen, wer mit wem und wie lange schon. Es ist umsichtiges Verhalten, bei dem man den Bedürfnissen anderer Menschen angemessen Rechnung trägt, beim dem man sich und seinen Egoismus hintanstellt – im Sinne des Wortes.

Da weiss man einiges darüber – und nicht erst seit heute. «Wissenschaftler konnten in vielen Experimenten an Tausenden von Probanden zeigen», legt Manfred Spitzer dar, «dass Naturerleben das Gefühl von Ehrfurcht hervorruft und dieses zu mehr prosozialem Verhalten führt, d.h. die Menschen dazu bewegt, mit höherer Wahrscheinlichkeit mit anderen zu teilen und zu kooperieren, sich um andere zu kümmern und anderen zu helfen. Diese Einsicht hat Immanuel Kant vor über 200 Jahren schon betont, und er hat zudem die Spannung von Grösse der Natur und der Kleinheit des Selbst hingewiesen.» (Spitzer 2015)

Der Zeitgeist ist ein anderer. Zwar werden Petitionen gegen die Verschmutzung der Umwelt mit Verve unterschrieben, die eigenen Zigarettenkippen spickt man aber ebenso achtlos weg wie die Getränkedose. Regierungsprogramme, die wortreich und grossspurig Solidarität versprechen erhalten stehenden Applaus, im Alltag – auch im schulischen Arbeitsalltag – ist davon nur selten etwas zu sehen. Sauberkeit, Ordentlichkeit, Bescheidenheit, Dankbarkeit, das sind Begriffe in den zeitgeistigen Antiquitätenläden. Und doch – oder eben gerade: Es sind auf Dauer handfeste Erfolgsfaktoren. So hat man beispielsweise Menschen über eine bestimmte Zeit jeden Abend aufschreiben lassen, wofür sie an diesem Tag dankbar waren. Jeden Tag fünf Minuten Zeit, um sich schriftlich ein kleines Ereignis oder eine Situation in Erinnerung zu rufen, wofür man dankbar sein konnte. Nach kurzer Zeit schon waren diese Menschen mit ihrem Leben signifikant zufriedener. Das heisst: Sie konnten ihrem Leben und damit auch sich selber etwas Gutes abgewinnen! Und sie mussten sich, um auf Nietzsches Zitat zurückzukommen, nicht rächen – nicht an sich, nicht an anderen, nicht an der Welt.


Gatterburg, Angela: Gefühle auf der Übungswiese. Spiegel Wissen. 3/2010

Müller, Andreas: Schonen schadet. Wie wir heute unsere Kinder (v)erziehen. hep Verlag. Bern. 2018

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Lernen steckt an. hep Verlag. Bern. 2001

Müller, Andreas: Wenn nicht ich, …? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. hep Verlag. Bern. 2002

Müller, Andreas: Erfolg! Was sonst? Generierendes Lernen macht anschlussfähig. hep Verlag. Bern. 2004

Müller, Andreas: Eigentlich wäre Lernen geil. Wie Schule (auch) sein kann: alles ausser gewöhnlich. hep Verlag. Bern. 2006

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2008

Spitzer, Manfred: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Ehrfurcht, Naturerleben und Sozialverhalten. In: Nervenheilkunde. 12/2015

 

Updated on 15. Mai 2018

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