Relativität

Konstruktiv mit Vielfalt umgehen – das heisst in erster Linie mit einer Vielfalt von Menschen. Es heisst aber ebenso: mit einer Vielfalt von Dingen und ihrer fast uneingeschränkten Verfügbarkeit. Immer mehr geht es darum, Mengen zu bewältigen, insbesondere auch die Menge an Informationen. Informationsmenge und -verfügbarkeit nehmen exponentiell zu, das Volumen an gespeicherten Informationen wächst weltweit jährlich um 40 Prozent – und um Faktor 50 bis 2020. Im letzten Jahrzehnt wurde so viele Informationen produziert und angehäuft, wie in den 2’500 Jahren zuvor. Und 90% der heute existierenden Daten wurden alleine in den letzten zwei Jahren geschaffen. Jeden Tag erzeugen wir 2,5 Trillionen Byte an Daten. Damit wächst Big Data vier Mal schneller als die Weltwirtschaft. Gleichzeitig nimmt der Informationsstand und das Interessenssprektrum der Menschen drastisch ab. Denn sich in dieser Informationsflut zurechtzufinden ist ähnlich einfach, wie aus einem voll geöffneten Feuerwehrschlauch Wasser zu trinken. Die Schule muss Lernende deshalb dazu befähigen, diesen Datenstrom für sich zu regulieren, zu kanalisieren und zu bündeln, um so einen wirkungsvollen, nachhaltigen und kontinuierlichen Umgang mit Informationen zu erzielen. 

Informationsflut schafft Wissenswüsten

Die Menschheitsgeschichte hat schon einige Revolutionen zu verzeichnen. Diejenige jedoch, die wohl am meisten verändert und umgewälzt hat, ist jene der Information. Die Menschen haben es geschafft, immer wirkungsvollere Meiden zu erfinden, um Informationen zu speichern und zu transportieren.

Seit etwa 1450 gibt es den Buchdruck mit beweglichen Lettern, seit etwa 1600 Zeitungen im heutigen Sinne, seit etwa 1850 die elektrische Telegrafie, seit etwa 1880 das Fernsprechen, seit etwa 1920 den Hörrundfunk, seit etwa 1950 das Fernsehen, zuerst in Schwarz-Weiss, dann in Farbe, und seit etwa 1970 kennen wir die Datenübertragung.

«Ich verbringe die meiste Zeit damit anzunehmen, dass die Welt nicht für die Technologie-Revolution bereit ist, die sie bald erfahren wird.» (Eric Schmidt, ehem. Google-Chef, 2010)

Auf der Liste der einflussreichsten Menschen der letzten tausend Jahre nimmt Johannes Gutenberg den Spitzenplatz ein. Der Erfinder des Buchdrucks löste eine eigentliche Informationsrevolution aus, die in ihrer Weiterentwicklung bis heute anhält. Neue, immer komplexere und wirkungsvollere Medien und Technologien kamen hinzu und haben Zeitgeist und Lebenswelt geprägt.

(Quelle: CRP-Infotec)

1845 hat Alexander von Humboldt alles Wissen über die physische Welt in einer Enzyklopädie namens Kosmos zusammengetragen. Fast tausend Seiten umfasst die alle Bände vereinigende Neuauflage mit allen Vor- und Nachworten. Die aktuellste Auflage der Brockhaus Enzyklopädie dagegen hat heute 30 Bände, 24‘500 Seiten und 300‘000 Artikel.2006 umfasste die deutsche Ausgabe der Online-Enzyklopädie Wikipedia 300‘000 Artikel. Bis Anfang 2018 ist diese Zahl auf über 2 Millionen Artikel angestiegen.

Täglich erzeugen wir weltweit über zwei Trillionen Bytes an Daten – Tendenz steigend. Natürlich sind Daten nicht gleichbedeutend mit Information. Rohdaten müssen gezielt befragt werden, damit sie zu Informationen werden. Doch veranschaulicht diese Zahl, wie enorm unsere mediale Nutzung und unser Daten- und Informationsverkehr ist. Der tägliche kommunikative Overkill nutzt sich an den Nutzern ab. Folge: Ein Kampf um die begrenzt verfügbare Gunst des allseits umworbenen Informationskonsumenten. Und es ist ein Kampf mit harten Bandagen. Denn es steht viel Geld auf dem Spiel. Also muss man sich etwas einfallen lassen, um die Nutzer auf seiner Seite und damit auf seinen Seiten zu haben: Trommelwirbel, Konfetti und viel Gedöns. Aufmerksamkeit um jeden Preis heisst die Devise. Eine mediale Hysterie jagt die nächste. Sie dauert immer so lange, bis eine Kuh mit grösseren Hörnern durchs Dorf gejagt wird. Dann muss ein neuer Überbrüller her. Oder ein alter wird aufgewärmt. Damit schafft die mediale Überdosis eines: Sie kultiviert die Aufregung zum gesellschaftlichen Dauerzustand. Aber bis weit unter die Oberfläche der Schlagzeilen werden Information meist nicht zur Kenntnis genommen. Eigentlich paradox: Die Flut an Informationen befruchtet nicht, sie führt zu Wissenswüsten. Denn je mehr Informationen den Menschen zugemutet werden, desto weniger davon werden genutzt.

«Die unendliche Fülle der zur Verfügung stehenden Informationen führt in Teilen der Gesellschaft zu einer Informationsillusion.»

Das erklärte die Leiterin des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD), Professor Dr. Renate Köcher, beim Jahreskongress des BDZV 2017 in Stuttgart. Die Meinungsforscherin warnte vor den gesellschaftlichen Auswirkungen: «Eine sinnvolle Selektion aus der Überfülle und eine disziplinierte Organisation des eigenen Informationsverhaltens sind Herausforderungen, die teilweise zu einer neuen Spaltung der Gesellschaft führen – nämlich in diejenigen, die von dem breiteren Informationsangebot profitieren und tatsächlich besser informiert sind, und in diejenigen, denen es schwerfällt, ihre Information in dieser Überfülle und Schnelligkeit des Angebotes sinnvoll zu organisieren.»

Köcher erläuterte anhand ihrer im Auftrag des BDZV angefertigten Studie mit dem Titel Die informierte Gesellschaft – Fakt oder Illusion?, dass die Fülle der verfügbaren Informationen einerseits zu einer schärferen Selektion führe, andererseits ein guter Informationsstand oft definiert werde als «auf dem Laufenden sein, wissen, was gerade passiert». Dabei gehe es jedoch nicht um ein tieferes Verständnis der Ereignisse, ihrer Ursachen und Konsequenzen. Jeder Zweite halte 15 bis maximal 30 Minuten oder weniger täglich für ausreichend, um einen guten Informationsstand zu sichern.

Laut Studie ist die grosse Mehrheit der Bürger Deutschlands subjektiv davon überzeugt, dass der Informationsstand heute generell höher ist als vor Einführung des Internets. Mit Blick auf das eigene Wissen ziehe die überwältigende Mehrheit sogar eine ausgesprochen positive Bilanz, führte Köcher aus. 72 Prozent stuften sich in Bezug auf das aktuelle Geschehen als gut informiert ein. Vor diesem Hintergrund liege die Frage nahe, «ob die stete Konfrontation mit einem schier unerschöpflichen Informationsangebot nicht nur zu einem höheren Informationsstand führt, sondern teilweise auch zu einer Informationsillusion?». Diese Vermutung werde in der Studie partiell bestätigt, erklärte die Meinungsforscherin, denn schon konkretere Nachfragen, bei welchen Themen man sich denn gut informiert fühle, führten zu einer wesentlich bescheideneren Bilanz: Stehe etwa abstrakt das weltweite Geschehen zur Diskussion, stuften sich 61 Prozent der gesamten Bevölkerung als gut informiert ein. Jede Konkretisierung reduziere diese Selbstbeinschätzung jedoch drastisch. So schrumpfe bei Fragen zu aktuellen politischen Entwicklungen die Zahl schnell einmal auf einen Fünftel.

Die Auswirkungen seien insbesondere bei jungen Menschen zu beobachten: Das Interessenspektrum unter 30-Jähriger habe sich in den vergangenen 15 Jahren stark verengt. Dies liegt laut Studie daran, dass Jugendliche sich heute früh daran gewöhnten, primär Informationen zu Themen zu suchen, die sie von vornherein interessieren.

«Jugendliche nutzen Internet-Portale in der Regel nicht für die kontinuierliche Information, sondern sporadisch bei einem aktivierten und strukturierten Informationsbedarf.» (Köcher 2008)

«Interesse für Politik oder Wirtschaft ist jedoch nicht naturgegeben und entsteht auch nicht plötzlich, sondern im Allgemeinen durch die kontinuierliche, geduldige Auseinandersetzung auch mit Themen, die zunächst eher als spröde oder langweilig empfunden werden», erklärte Köcher. Dieser Prozess komme heute nicht mehr in dem Mass in Gang wie in Zeiten, in denen die regelmäßige Information über ein vorstrukturiertes Angebot in Fernsehen und Printmedien auch in der jungen Generation die Regel gewesen sei Ihr Fazit: «Die Entwicklung des Interessenspektrums wie auch des Informationsstands der Gesellschaft hängen nicht nur von dem Informationsangebot ab, sondern in hohem Mass von der Bereitschaft und Disziplin, sich kontinuierlich und geduldig zu informieren.» (Quelle: BDZV)

Information statt Deformation

99 Prozent der 12- bis 19-jährigen Schweizer haben ein Handy. Da fast alle ein Smartphone besitzen sowie vermehrt mit Flatrate-Abo surfen, ist der mobile Internetzugang Alltag geworden. Seit der ersten JAMES-Erhebung im Jahr 2010 hat die Zeit, in der Jugendliche online sind, um eine halbe Stunde pro Tag zugenommen, dies entspricht einem Plus von 25%: Unter der Woche surfen sie gemäss ihren Angaben täglich durchschnittlich 2 Stunden und 30 Minuten (2014: 2 Stunden), am Wochenende 3 Stunden und 40 Minuten (2014: 3 Stunden).

Jugendliche scheinen in besonderer Weise von Smartphones und anderen elektronischen Gadgets fasziniert zu sein – bis hin zu einer Verhaltenssucht. Zwölf Prozent der Jugendlichen zeigen ein «risikohaftes» Verhalten und bei neun Prozent ist die Internetnutzung sogar «problematisch», so das Ergebnis der JAMES-Studie 2016. Dies bedeutet etwa, dass sie Entzugserscheinungen haben, wenn sie kein Gerät zur Verfügung haben, Familienmitglieder täuschen oder bisweilen auch die Kontrolle verlieren, während sie im Internet surfen. Zudem zeigt der Bericht, dass Jugendliche mit einem problematischen Verhalten das Internet häufiger zur Unterhaltung nutzen, mehr fernsehen oder auch öfter Videogames spielen. Sie verbreiten überdies auch eher mediale Gewalt – oder sind selber schon Opfer von Cybermobbing geworden.

Problematisch ist, dass die Mediensucht eine substanzunabhängige Sucht ist. Das heisst: Die Dunkelziffer ist hoch, denn digitale Medien sind ein fester Bestandteil unseres Alltags. Das macht es schwierig, den normalen Medienkonsum von einem krankhaften Verhalten abzugrenzen. Doch ist sie nicht weniger schädlich als eine Abhängigkeit von Drogen oder Alkohol. Die sozialen Folgen sind enorm. Süchtige vernachlässigen alles: ihren Körper, ihre Familie und ihre Freunde. Fehlt das Suchtmittel, entwickeln die Betroffenen auch typische körperliche Entzugserscheinungen wie Unruhe, Zittern, Schlafstörungen, Schweissausbrüche etc. Experten gehen davon aus, dass nicht nur die Anzahl der Computersüchtigen noch steigen wird. Auch Aufmerksamkeitsstörungen nehmen vermutlich immer mehr zu. (Rothfischer, Focus, 12.6.12)

Information ohne Reflexion ist geistiger Flugsand.

Die Jugend simst und phont was das Zeug hält, zu jeder Tages- und Nachtzeit – ein virtuelles Sehen und Gesehenwerden. Man trifft sich, ohne sich zu treffen. Das heisst aber auch: Es ist für Kinder und Jugendliche heutzutage nicht mehr nötig, mit Eindrücken allein zu sein wie früher, als die Welt noch ein einziges Funkloch war. Das Handy ist mithin gleichsam Nabelschnur und Schnuller. Denn immer ist jemand da, der sich um einen kümmert. Kinder und Jugendliche gewöhnen sich damit an den seelischen Kokon eines Kleinkindes. Bei der kleinsten Kleinigkeit brauchen sie jemanden, dem sie sich mitteilen können. Oder jemanden, der ihnen Zuspruch gibt. Oder beides. Damit verlernen sie, mit Alleinsein, mit Langeweile, mit Freuden aber auch mit Niederlagen eigenständig umzugehen. Damit wird das gefördert, was zunehmend als Gesellschaftskrankheit bezeichnet werden kann: die erlernte Hilflosigkeit.

(Quelle: werbewoche.ch)

Blickpunkt Schule

Lernende stehen tagtäglich bis zum Hals in einer Flut von Informationen. Die Schule muss folglich wirkungsvolle Strategien entwickeln, um dem medialen Overload nachhaltig zu begegnen.

Nicht wenige Schulen wählen hierfür die Strategie, alten Wein in neue Schläuche zu füllen. Will heissen: Die herkömmlichen schulischen Inhalte werden medial neu verpackt und den Lernenden auf diese Weise möglichst schmackhaft und bekömmlich gemacht – bis hin zur Gamification. Das Ergebnis: Die Schülerschaft nimmt dieses Angebot an Entertainment zwar dankbar an, den alten Wein lassen sie aber nach wie vor stehen. Die mediale Offensive der Schule verkommt leicht zur Beschäftigungstherapie – mit dem technischen Spielgerät, nicht mit Inhalten – und ist am Ende oftmals nicht viel mehr als eine digitale Anbiederung. Die Devise muss deshalb heissen: Weniger (und zwar viel weniger) ist mehr.

Ahead to basics!

Lernende könnten mehr, wenn sie weniger vom faden Informationsbrei vorgesetzt kriegten. Weniger heisst aber nicht einfach: weniger vom Gleichen. Sondern mit «weniger» verbindet sich die Forderung nach «besser». Also: Qualität vor Quantität.

Qualitätsstichwort 1: beteiligt

Die schulische Informationsgestaltung muss dem Ziel dienen, die Lernenden zu aktivieren – mit allen ihren Sinnen. Sie verstehen sich nicht als passive Empfänger von vorgedachtem abstraktem Wissen. Sie verstehen sich als aktive Gestalter und sie fühlen sich als Teil davon, indem sie aus etwas Fremdem etwas Eigenes machen. Sie erwecken die Informationen zum Leben. Schon vor 200 Jahren gab Gottfried Herder zu bedenken: «Seine Gedanken kann mir der Lehrer nicht eingeben, eintrichtern. Meine Gedanken muss er wecken, damit sie meine, nicht seine Gedanken sind.»

Qualitätsstichwort 2: persönlich

Der Sinn der Botschaft entsteht immer beim Empfänger. Lernende müssen sich angesprochen fühlen, persönlich angesprochen. Sie brauchen Antwort auf die Frage, was hat das mit mir zu tun? Weg von kollektiven (alle tun) hin zu individuellen Verbindlichkeiten. Oder wie Bruce Springsteen sagt: «Play to the individual, not tot he crowd.»

Qualitätsstichwort 3: direkt

Die Welt ist der beste Lehrmeister, heisst ein altes Sprichwort. Klar: Der direkte Weltbezug liefert jede Menge Bits und Bytes für alle Sinne. Für alle Sinne! Damit ist die Unmittelbarkeit des «Ernstfalls» gleichsam eine natürliche Triebfeder für Sinn stiftendes Lernen. Denn Lernen ist an Erlebnisse, an Erfahrung, an Begegnung, an Betroffenheit und Sinnstiftung gebunden. Und nicht zu vergessen: Der direkte Weltbezug ist das einzige Medikament gegen den grassierenden Erfahrungs-Autismus.


 

Müller, Andreas: Schonen schadet. Wie wir heute unsere Kinder (v)erziehen. hep Verlag. Bern. 2018

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: Vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2. Auflage 2013

Müller, Andreas: Die Schule schwänzt das Lernen. Und niemand sitzt nach. hep Verlag. Bern. 2013

Müller, Andreas: Schonen schadet. Wie wir heute unsere Kinder (v)erziehen. hep Verlag. Bern. 2018

JAMES-Studie. Seit 2010 bilden die JAMES-Studien den Medienumgang von Jugendlichen in der Schweiz ab. JAMES steht für Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz und wird alle zwei Jahre repräsentativ durchgeführt. Es werden jeweils über 1’000 Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren aus den drei grossen Sprachregionen der Schweiz befragt. [à Ergebnisbericht JAMES-Studie 2016]

«Das Internet ist für Jugendliche vor allem eine Kommunikationsplattform». Interview mit Prof. Dr. Köcher, Geschäftsführerin für Demoskopie Allenspach. 7.5.2008

Wir steuern auf ein digitales Dark Age zu. Andrian Lobe, NZZ, 14.4.2018

Informationsflut und ständige Erreichbarkeit. Kathrin Rothfischer, Focus, 12.6.2012

Explosion des Cyberspace, Süddeutsche Zeitung, 11.2.2011

Artikel zum Umgang mit Informationen – mit praktischen Anregungen.

Arbeitsblätter zum Informations-Overkill

Lippert, M. / von Müller, T. / Thörner, A.: Umgang mit Informationen und Modellen. Ein Artikel über die Lesekompetenz im weiteren Sinne bzw. den wirkungsvollen Umgang mit Informationen.

 

Updated on 21. Mai 2018

Weitere Artikel