Personalität

Die fortwährenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen verlangen uns viel Anpassungsfähigkeit ab. Zukünftige Generationen haben flexibel auf neue Problemstellungen zu reagieren, denn die Arbeitswelt stellt immer neue Anforderungen. Im beruflichen Alltag sind komplexe Probleme zu lösen. Dazu wird nicht nur Fachwissen benötigt, sondern Kreativität für neue Lösungen. Lebenslanges Lernen ist dafür unabdingbar und die entsprechenden Basisfertigkeiten sollen bereits in der Schule entwickelt werden. Reproduziertes Wissen ohne tieferes Verständnis reicht längst nicht mehr, um in den unterschiedlichen Problemsituationen variable Lösungswege anbieten zu können. Wer lebenstauglich sein will, also handlungsfähig, muss sich anpassen können. Wenn das Ziel die Anschlussfähigkeit an die «Welt» ist, so erfordert das auch einen Wandel in der Schule und in ihren schulischen Arrangements. Eine neue Lernkultur zielt nicht einfach auf einer Erweiterung des Wissens (knowledge) ab, sondern will auch Fähigkeiten und Fertigkeiten (skills) fördern. Und insbesondere auch: Haltungen und Einstellungen (attitude).

Andockstelle «Welt»

Der Schlüssel zum Erfolg steckt innen. Mit Erfolg ist gemeint: Anschlussfähigkeit. Und das ist weit mehr als das Wissen, dass die Rigi aus Nagelfluh besteht. Anschlussfähigkeit, das sind vor allem soziale und personale Kompetenzen. Es ist der Umgang mit sich und mit anderen. Es sind Werthaltungen und Tugenden.

Menschen trachten prinzipiell nach Anschlussfähigkeit.

Früher wuchsen die Kinder in vertikalen Sozialisationsformen (mehrere Erwachsene verschiedener Generationen, mehrere Geschwister) auf. In diesem Geflecht von Auseinandersetzung und Rücksichtnahme wurden sie erzogen. Der Mehrpersonenhaushalt ist im Verlaufe der Jahre drastisch zusammengeschrumpft. Und immer mehr erfolgt die Sozialisation horizontal, in Peergruppen. Das sich daraus entwickelnde Leben in ungeteilter Aufmerksamkeit birgt die Gefahr, dass ganz elementare soziale und personale Kompetenzen verkümmern.

Die Arbeitswelt allerdings entwickelt sich immer mehr zu einer Zusammenarbeitswelt. Damit nehmen auch die sozialen und personalen Kompetenzen in ihrer Bedeutung zu. Das zeigt sich beim Blick in die Stellenanzeigen. So exotisch und futuristisch die Berufsbezeichnungen manchmal klingen, so traditionell sind die Tugenden und Persönlichkeitseigenschaften, die im Kern immer gefordert werden: Verantwortungsbewusstsein, Verlässlichkeit, Engagement, Leistungsfreude (früher hätte man dazu Fleiss gesagt), Teamfähigkeit etc. etc.

Nicht allein Fachwissen, sondern vielmehr die sogenannten «Soft Skills» bestimmen den Marktwert. Darunter gehören: Entwicklungskompetenz, Emotionale Kompetenz, Wirkungskompetenz, Kommunikative Kompetenz, Beziehungskompetenz und Gruppenkompetenz. (nach Meyer 2011) Und alle diese Schlüsselkompetenzen münden zusammen mit der Fachkompetenz schliesslich in eine Handlungskompetenz.

Ähnlich gestalten sich die Anforderungen und Selektionskriterien beim Übertritt von der Schule in die berufliche Ausbildung. In einer Arbeitswelt, die sich so schnell verändert und entwickelt, dass die neu gekauften Geräte schon veraltet sind, wenn man sie zur Ladentüre hinausträgt, sind lebenstaugliche Menschen gefragt – und junge Menschen, die bereit sind, Zeit und Energie in ihre Ausbildung zu investieren. Das setzt natürlich die Bereitschaft voraus, die steile Karriere als Supermodel, Influencerin oder YouTuber sausen zu lassen und sich stattdessen mit Arbeit zu beschäftigen, und das auch noch mit Power, doch diesen leistungsstarken und leistungswilligen Nachwuchs gibt es durchaus – und sie sind umworben. So ortete die NZZ online einen veritablen «war for talents» – also einen Krieg um Talente – bei der Beschreibung der Lehrstellensituation in der Schweiz. Und in der Tat: Die beruflichen Ausbildner sind bereit, den fitten jungen Leuten etwas zu bieten: «Novartis ermöglicht ihren Nachwuchsleuten nach der Lehre ein Auslandjahr in einer ihrer Niederlassungen. Das Maschinenunternehmen Bühler schickt seine besten Polymechaniker und Apparatebauer schon nach dem zweiten Lehrjahr für zwei Monate ins Ausland, in seine Niederlassungen in China oder Südafrika.» Aber sie verlangen auch etwas: «Die Lehrlinge pauken dafür ein halbes Jahr lang Fremdsprachen und Landeskunde. Den Stoff an der Berufsschule lernen sie während ihres Aufenthalts über eine Internetplattform» («Die Lehrlingslücke», NZZ, 2011). Moderne berufliche Aus- und Weiterbildung versteht sich immer mehr als eine Art von partnerschaftlichem Investment in die persönliche Kompetenzentwicklung. Für die entsprechenden Institutionen stehen deshalb soziale und personale Kompetenzen ganz oben auf der Prioritätenliste, wenn sie ihren Nachwuchs aussuchen, damit der Schritt in die Lehre nicht ein Schritt in die Leere wird.

Aber wen wundert’s. Wer mag schon Verkäufer, die dahergeschlichen kommen, motiviert wie ein Patient vor der Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Wer mag mit Menschen zusammenarbeiten, denen man von weitem ansieht, dass sie es als schwerwiegende Verletzung der Menschenrechte betrachten, den Hintern zu bewegen zu müssen. Und wer mag es, Arbeiten abgeliefert zu erhalten, die schon geflickt werden müssen, bevor sie fertig sind.

Es gilt die Herzen zu gewinnen, nicht die Meisterschaft.

Wenn wir mit Menschen zusammenarbeiten, wenn wir Menschen einen Auftrag geben, dann erwarten wir etwas, dann haben wir Ansprüche. Und aber auch: Wenn wir sehen, dass Menschen sich einsetzen, dass sie mehr tun als ihre Pflicht, dann sind wir durchaus auch geneigter, Fehlleistungen mit Toleranz zu begegnen. Ganz ähnlich wie beim Fussball: Wenn die eigene Mannschaft sich arrogant und lustlos durch ein Spiel müht, dann fühlen sich die Fans betrogen. Wenn die Spieler aber mit Herzblut zu Werke gehen, wenn sie um jeden Ball kämpfen, wenn sie bis zur letzten Minute den Sieg wollen, dann verzeihen sie auch eine Niederlage.

Blickpunkt Schule

Viele Präambeln in vielen Lehrplänen nehmen den Faden aus der Arbeitswelt auf. Der Kanton St. Gallen beispielsweise gibt der Volksschule einen entsprechenden Auftrag: «Die Schule ist eine Einrichtung unserer Gesellschaft. Für die Kinder und Jugendlichen ist sie prägender Teil ihres Alltags. Hier machen sie vielfältige Lebenserfahrungen. Die Schule ist ein Ort, wo Kindheit und Jugend gelebt werden, wo Gemeinschaft gestaltet und Lebensfreude gepflegt wir. Dies sind Voraussetzungen für Lernfreude und Leistungsbereitschaft. Wichtigste Aufgabe der Schule ist es, zielgerichtet und organisiert den jungen Menschen Kompetenzen zu vermitteln: Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen.»

Lebenserfahrungen sollen die jungen Menschen also machen, Lernfreude und Leistungsbereitschaft sollen sie aufbauen und neben Kenntnissen sollen sie auch Fähigkeiten und Haltungen entwickeln. Doch soziale und personale Kompetenzen werden nicht erworben, wenn die Schule ein Fach «Moral» einführt, oder ein Fach «Tugenden» oder «Selbstkompetenz». Und die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen erfährt keine nennenswerte Förderung durch die Abgabe von Arbeitsblättern zu diesem Thema. Denn man weiss ja: Der Mensch lernt, was er tut.

Die logische Konsequenz: Gerecht werden kann die Schule ihrem Auftrag nur, wenn sie eine Kultur aufzubauen in der Lage ist, in der soziale und personale Kompetenzen elementarer Teil der Alltagsgestaltung sind: Wenn Kinder und Jugendliche teamfähig werden sollen, müssen sie sinnstiftend zusammenarbeiten. Wenn sie lernen sollen, Verantwortung zu übernehmen, müssen sie Verantwortung für ihr Lernen übernehmen. Wenn sie lernen sollen, «danke» zu sagen «bitte» oder «entschuldige», wenn sie lernen sollen zu teilen oder zu warten, dann muss das zu den Selbstverständlichkeiten der Arbeits- und Lebenskultur gehören. Aber noch einmal: Persönlichkeitsentwicklung ist kein Schulfach. Vielmehr geht es darum, die schulischen Bedingungen und Arrangements so gestalten, dass sich Eigenschaften und Verhaltensweisen von jungen Persönlichkeiten positiv entwickeln können. Die Formel dazu: Lernen ist Persönlichkeitsentwicklung. Und umgekehrt.


Meyer, Ruth: Soft Skills fördern. Strukturiert Persönlichkeit entwickeln. hep Verlag. Bern. 2011. 2. Auflage

Müller, Andreas: Schonen schadet. Wie wir heute unsere Kinder (v)erziehen. hep Verlag. Bern. 2018

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: Vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2. Auflage 2013

Müller, Andreas: Die Schule schwänzt das Lernen. Und niemand sitzt nach. hep Verlag. Bern. 2013

Die Lehrlingslücke, NZZ. 26.6.2011


 

Updated on 23. Mai 2018

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