Persönlichkeitsfaktoren

Pädagogische Souveränität entwickelt sich aus dem Zusammenspiel von Kohärenzfaktoren und einem hohen Mass an Professionalität im Umgang mit den beteiligten Menschen. Und: Pädagogische Souveränität hat immer einen Namen und ein Gesicht. Sie ist nicht zu trennen vom einzelnen Lehrer, von seiner Person und seiner Persönlichkeit. Am Ende der Fahnenstange, dort, wo die Luft am dünnsten und die Sitzposition am unbequemsten ist, kommt es darauf an, welche Eigenschaften den Lehrer im Alltag auszeichnen, welches seine relevanten Persönlichkeitsfaktoren sind, seine «Signaturstärken» quasi. Signatur, also «Zeichen» steht unter anderem für eine handschriftliche Unterschrift oder Urheberangabe eines Künstlers auf seinem Werk. Auch ein Lehrer setzt eine Signatur. Setzt Zeichen. Deren Sinn entsteht immer beim Empfänger. Und je klarer die Zeichen sind, desto klarer sind die Botschaften.

Sicheres Auftreten – Für die professionelle Beziehungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen sind klare Botschaften eine wichtige Richtschnur für ihr Verhalten. In konstruktiver Weise wirkungsvoll sind Signaturen, wenn sie mit der Tinte relevanter Stärken geschrieben werden. Eine davon: sicheres Auftreten. Wer sich hinter Paragraphen, Kollegen, Vorgesetzten, Behörden oder wem oder was auch immer versteckt, wirkt sicher nicht souverän. Sicheres Auftreten heisst deshalb: authentisch sein, offen auf die Menschen zugehen, moderat im Ton und klar in der Sache. Das setzt voraus, proaktiv zu denken und zu handeln, vorbereitet zu sein, sich argumentativ sicher zu fühlen und diese Sicherheit auch ausstrahlen und begründen zu können. Das hat nicht mit Besserwisserei zu tun. Im Gegenteil. Es geht um eine gewinnende, eine einbeziehende und auch eine humorvolle, augenzwinkernde Art der Kommunikation. Das gelingt meist dann besonders gut, wenn man sich selber nicht allzu ernst nehmen muss.

Ermutigende Beharrlichkeit – Ein zweiter Persönlichkeitsfaktor ist die ermutigende Beharrlichkeit. Wer beharrlich ist, sich über Ausdauer und Durchhaltevermögen auszeichnet, verfügt gleichsam über die Fähigkeit, dauerhaft motiviert ein Ziel konsequent und auch gegen widrige Umstände immer weiterzuverfolgen. Das Ziel ist ja der Erfolg eines jeden Lernenden. Das Gelingen, das ist sattsam bekannt, fällt weder als Schnee vom Himmel noch lässt er sich herbeireden. Auf den verschlungenen Wegen und Umwegen zum Erfolg steht man immer wieder vor Hindernissen, Ermüdung macht sich breit (manchmal schon vor dem Start), der innere Schweinehund lauert hinter jedem Gebüsch. Um auf Kurs zu bleiben, braucht es Beharrlichkeit. Und wenn Kinder und Jugendliche nicht in ausreichendem Masse darüber verfügen (also sehr häufig), dann müssen halt die Erwachsenen in die Bresche springen. Dann liegt es an ihnen, in einer durchaus wohlwollenden und ermutigenden, aber gleichzeitig hartnäckigen und konsequenten Weise den Lernenden zu zeigen, wo es langgeht zum Erfolg.

Konstruktive Konfliktfähigkeit – Ein dritter Persönlichkeitsfaktor ist die konstruktive Konfliktfähigkeit. Konflikte sind normal. Jedes Lernen ist ein Stück weit ein Konflikt, ein Konflikt zwischen dem was ist, dem was sein soll und dem was es braucht dazu.

Konflikte sind eine Form von Kooperation.

Menschen tun sich mitunter schwer, Konflikte als Selbstverständlichkeit zu betrachten und einigermassen gescheit mit ihnen umzugehen. Es mag privat ja noch einigermassen vernünftig klingen, dem vordergründigen Frieden zuliebe darauf zu verzichteten, unangenehme Dinge zur Sprache zu bringen. Wer sich hingegen auf dem Feld schulischen Lernens erstens professionell und zweitens souverän bewegen will, darf Konflikte nicht scheuen. Mehr noch: Er tut gut daran, sie als selbstverständlichen und vor allem als beziehungsstärkenden Teil seiner Arbeit zu verstehen. Deshalb lassen sich weder die Konflikte selber noch ihre Lösung delegieren.


Helmke, Andreas: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. Klett/Kallmeyer. Seelze-Velber. 2012

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Können die wo fertig sind früher gehen? Wer über Lernen nachdenkt, muss über Aufgaben nachdenken. Und umgekehrt. hep Verlag. Bern. 2015

Müller, Andreas: Schule kann auch anders sein. Personalisiertes Lernen: Das Modell Beatenberg. hep Verlag. Bern. 2014

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: Vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2. Auflage 2013

Müller, Andreas: Die Schule schwänzt das Lernen. Und niemand sitzt nach. hep Verlag. Bern. 2013

Updated on 24. Mai 2018

Weitere Artikel