Mentale Fitness

Durch mentale Fitness zeichnet sich aus, wer sich im Griff hat, wer seine Impulse kontrollieren und wer Belohnung aufschieben kann, wer den inneren Schweinehund an der kurzen Leine zu führen imstande ist. Dazu braucht man exekutive Funktionen («cognitive control»). Sie steuern das Verhalten. Und sie ermöglichen es, Handlungen zu vermeiden, die nicht zielführend sind – oder sogar schaden können. Sie ermöglichen es auch, Freude zu entwickeln an Leistung und Anstrengung, und entsprechend konstruktiv mit Widerständen umzugehen. Exekutive Funktionen können also durchaus als eine Voraussetzung für Schul- und Lebenserfolg bezeichnet werden.

Den inneren Schweinehund an der kurzen Leine führen

Kinder und Jugendliche haben Erwartungen an ihre Zukunft. Ob berühmt, reich, unabhängig oder glücklich – sie haben eine Vorstellung davon, wie ihr Leben dereinst aussehen soll, machen sich Bilder einer erwünschten Zukunft. Die entsprechenden «Vorbilder» dazu finden sie zuhauf in den Medien.

Allerdings: Jede Zukunft hat eine Herkunft. Schüler haben eine Geschichte. Sie wachsen in einem bestimmten Milieu auf, mit bestimmten Freunden, in einer bestimmten Kultur, zu einer bestimmten Zeit. Sie bringen Erfahrungen und Erlebnisse mit, die sie prägen. Sie verfügen über Eigenschaften und Merkmale – körperliche, geistige, charakterliche. Das alles macht sie zu dem, was sie sind und wie sie sind.

Und dazwischen, zwischen dem, wie sie sind und dem, wie sie sein möchten, liegt die Gegenwart. Immer wieder neu. Denn jede Gegenwart wird gleich wieder zum Teil der Herkunft. Das ist nicht alles: Die Gegenwart ist immer auch ein Stück Zukunft. Denn in der Gegenwart wird die Zukunft herbeigeführt. Menschen bewegen sich unablässig im Spannungsfeld zwischen Herkunft und Zukunft.

Die Zukunft wird immer in der Gegenwart gestaltet.

Wer einmal in der Nationalmannschaft spielen will, stellt mit all dem, was er tut, eine Weiche in diese Richtung. Oder eben in eine andere. Er muss trainieren, muss Entbehrungen auf sich nehmen, Niederlagen wegstecken, muss längerfristige Ziele höher gewichten als den kurzfristigen Lustgewinn.

Die Schritte in eine mehr oder weniger erfolgreiche Zukunft werden immer in der Gegenwart unternommen. Ob als Spitzensportler oder einfach als «glücklicher Mensch». Wer in der Zukunft etwas vom Leben haben will, muss in der Gegenwart etwas tun dafür. Ich (nicht «die anderen»)! Jetzt (nicht «später»)! Hier (nicht «anderswo»)!

Das klingt nicht nur anstrengend. Es ist es auch. Und es hat nur dann einigermassen Aussicht auf Erfolg, wenn man Freude daran entwickelt, wenn das Erlebnis des Tuns Spass macht. Das passiert wiederum nur, wenn man es auch wirklich tut. Und logisch: Wer mental fit ist, erhöht die Wahrscheinlichkeit massiv. Und das ist auch nötig. Denn der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert. Der Weg zum Frust auch, zum Schulfrust beispielsweise. Dabei fehlt es häufig nicht an der Motivation. Die wäre – zumindest am Anfang – eigentlich da. Aber eben: Motiviert zu sein reicht nicht. Denn sofort tut sich diese abgründig tiefe Kluft auf – die Kluft zwischen Absicht und Handlung. «Ok, von jetzt an lerne ich mehr.» Wer kennt das nicht. Oder: «Von jetzt an mache ich immer gleich die Hausaufgaben.» Wird auch viel gesagt. Oder: «Von jetzt an game ich nur noch eine Stunde pro Tag.» Das lässt sich noch toppen mit: «Versprochen!»

Wo kein Wille ist, ist auch ein Weg – der des geringsten Widerstandes.

Etwas zu wollen, Vorsätze zu fassen, sich Ziele zu setzen, das geht in aller Regel flott von der Hand und leicht über die Lippe. Bis dann die erste Anstrengung ansteht. Und flugs steht man an der Kreuzung. Der eine Weg, jener des geringsten Widerstandes, führt immer bergab. Der andere ist der unbequeme. Er führt dorthin, wo der Erfolg beginnt: aus der Komfortzone heraus. Ein Tier, das einen immer wieder von diesem Weg abzubringen versucht, ist der innere Schweinehund. Er lockt mit Bequemlichkeit, verspricht den einfachen Weg, das angenehme Leben. Deshalb hat er häufig ein leichtes Spiel. Zudem ist er unglaublich clever. Denn er liefert auch gleich die Ausreden zur Beruhigung des schlechten Gewissens.

Wer sich (zum Beispiel als Lehrer) dafür verantwortlich fühlt, dass andere (zum Beispiel Schüler) ihr Potenzial auch tatsächlich nutzen, muss sie ins Tun bringen. Und wer das will, muss ihnen helfen, mit dem inneren Schweinhund so zurechtzukommen, dass der macht, was sie wollen. Und nicht umgekehrt. Das subtile Wirken dieses auf den ersten Blick sympathischen Wesens lässt sich in drei Phasen gliedern:

Innere-Schweinhund-Phase 1: Beginnen

Nichts ist so dringend, als dass es morgen nicht noch dringender wäre. Oder: Verschiebe nicht auf morgen, was du übermorgen auch noch tun kannst. Bei allem Galgenhumor: Was im Einzelfall durchaus amüsant sein kann, kann als Verhaltensmuster zu einem echten Problem werden. Nicht von ungefähr wird Prokrastination – besser bekannt unter «Aufschieberitis» – als weitverbreitete Zivilisationskrankheit betrachtet.

Eigentlich hatte ich heute viel vor. Jetzt habe ich eben morgen viel vor.

Das hat wohl auch damit zu tun, dass es heutzutage bei vielen Dingen keine Rolle spielt, ob und wann man sie tut. Das war früher insofern anders, als die menschlichen Aktivitäten viel direkter ans Leben und vor allem ans Überleben gekoppelt waren. Davon kann heute und davon kann vor allem auch in der Schule keine mehr Rede sein. Ob morgen oder übermorgen, das ruft keinen Säbelzahntiger hinter dem Busch hervor. Das heisst: Die Not fehlt – und damit die Notwendigkeit. Auch äussere Anlässe fallen zunehmend weg: Der nächste Zug kommt ja sofort, der andere Laden hat ja noch bis 22 Uhr geöffnet, ich kann es ja morgen per E-Mail schicken… Aufschieberitis wird uns heutzutage relativ leicht gemacht. Eine Arbeit, die man nach drei durchgearbeiteten Nächten schweissüberströmt auf dem allerletzten Drücker noch abgegeben hat, wird paradoxerweise aber gerne als Heldentat deklariert. Das heisst: Dinge vor sich herzuschieben wie eine Wanderdüne und mit der eigenen Schlampigkeit zu kokettieren, ist sowohl landläufig wie auch salonfähig geworden.

Unter der Oberfläche sieht es allerdings anders aus. Prokrastination ist ein Verhaltensmuster mit erheblichen negativen Folgen – individuell wie institutionell. Aufschieber strotzen zwar vor guten Vorsätzen, sie finden aber immer Gründe, warum etwas jetzt gerade nicht geht. Sie sind talentierte Ausredenerfinder und Selbstbetrüger. Und: Sie leben ihre Schlampigkeit zumeist auf Kosten anderer aus.

Das heisst: Beginnen, ins Tun kommen, das setzt ein gewisses Mass an Antriebsstärke voraus. Und noch viel mehr: Es baut auf gute Gewohnheiten. Gute Gewohnheiten sind deshalb das, was dem inneren Schweinhund am meisten entgegenhalten kann. Aufstehen und laufen gehen – einfach so. Keine faulen Ausreden. Sich an den Schreibtisch setzen und beginnen – einfach so. Keine Kompensationstätigkeiten (z.B. Bildschirm putzen, Büroklammern der Grösse nach sortieren, nur noch schnell die neuesten Nachrichten anschauen, …). Wer es einfach tut, der tut es einfach.

Innere-Schweinhund-Phase 2: Dranbleiben

Henry Ford hat nicht nur Autos gebaut, er hat auch einmal gesagt: «Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern.» Auf schulisches Lernen bezogen: Es ist kein Sprint, es ist ein Marathon. Und das heisst: Auf der Strecke kann viel passieren. Das geht nicht ohne ein gewisses Mass an Stehvermögen. Und klar, je «zwäger», desto lockerer ist man unterwegs. Desto geringer ist das Bedürfnis, sich in Ausreden und Befindlichkeiten flüchten zu müssen. Und da haben ja die Schüler ein unerschöpfliches Repertoire auf Lager. «Ich verstehe das nicht.» «Ich finde das Blatt nicht.» «Ich weiss nicht, wie ich das machen soll.» «Ich schaue dann später im Buch nach.» «Ich kann mich jetzt nicht konzentrieren.» Der innere Schweinehund nutzt solche Ausweichmanöver schamlos aus. Bereits beim geringsten Anzeichen einer möglichen Kapitulation biedert er sich schwanzwedelnd an. «Klar, wenn man das nicht versteht, dann geht es nicht.» «Es ist sicher besser, später im Buch nachzuschauen.» «Natürlich, wenn du dich nicht konzentrieren kannst, musst du etwas anderes tun.» Auch sein Repertoire ist eben unerschöpflich. Befinden sich die Schüler erst einmal auf dem Weg des geringsten Widerstandes, dann hat der innere Schweinehund ein leichtes Spiel, dann wird nicht «Dranbleiben» zum Verhaltensmuster, sondern «Aufgeben». Das ist keine in positivem Sinne prägende Erfahrung.

Wenn es zu einer akzeptieren und zuweilen gar zelebrierten Norm wird, bei der erstbesten Gelegenheit das Handtuch zu werfen, dann wirkt sich das negativ auf das Leistungsverhalten der Schüler aus. Denn in einer solchen Kultur ist es für den Einzelnen schwieriger, sich anders zu positionieren – quasi ein Streber zu sein. Eine Kultur des «zelebrierten» Versagens korrumpiert die individuellen Bestrebungen, schulische Herausforderungen zu meistern, Rückschläge zu nutzen und sich entsprechend selbstwirksam zu erleben. Wer sich kompetent erleben will, braucht hohe Anforderungen. Und wenn die Leistungsansprüche in den kollektiven Sinkflug manövriert werden, macht es für den Einzelnen wenig Sinn, sich anzustrengen. Die entsprechende Bezugsnorm fehlt.

Ellen Langer, Professorin in Harvard, hat dazu spannende Experimente gemacht. Eines beispielsweise bestand darin, dass sie verschiedene Gruppen unterschiedlich viele Hampelmänner vorturnen liess. Wer zwölf machen sollte, fühlte sich nach deren acht schon erschöpft. Waren aber dreissig Wiederholungen das Ziel, gingen die ersten zwanzig locker vom Hocker.

Glück lässt sich nicht erzwingen. Aber es mag hartnäckige Menschen.

Für die Schule bedeutet das unter anderem: Eine Kultur des Überwindens aufbauen, die Schüler beim Gutsein erwischen. Und gut sein heisst in diesem Falle, nicht aufgegeben und Hindernisse gemeistert zu haben. Dabei spielen Feedbacks eine wichtige Rolle. Die wiederum setzen voraus, dass man als Lehrer solche «Ich-bin-allen-Widerständen-zum-Trotz-drangeblieben-Verhaltensweisen» wahrnimmt. Dass man bewusst darauf achtet. Dass man sie dem Schüler zurückmeldet. Immer und immer wieder, mit konstanter Hartnäckigkeit. Man kann die Schüler auch solche Erfolgserlebnisse aufschreiben lassen. sie eine Art Logbuch des gelingenden Umgangs mit Widerständen führen lassen. Und dabei bewusst mit Hindernisformulierungen arbeiten, das heisst, das Hindernis in die Formulierung aufnehmen. Bei Unlust könnte die Formulierung zum Beispiel lauten: «Obschon ich keine Lust hatte, habe ich Bilder zu meinem Thema gesucht und plötzlich hat es mich gepackt und ich habe eine coole Präsentation zusammengestellt.» Gegen solche Erfahrungen von Kompetenz und Stolz hat der innere Schweinehund einen schweren Stand.

Innere-Schweinhund-Phase 3: Beenden

«It’s not over until it’s over». Und in der Tat, es gibt Beispiele, die Sportgeschichte geschrieben haben. Dazu gehört die dramatische Schlussphase des Champions-League-Finals 1999 in Barcelona. Bayern München sah gegen Manchester United wie der sichere Sieger aus. Dann, in der ersten Minute der Nachspielzeit geschah es: Teddy Sheringham traf zum Ausgleich. Dramatik pur. Und schliesslich das Unfassliche: Praktisch mit dem Schlusspfiff gelang Ole Gunnar Solskjær der Siegtreffer für Manchester United. Die englischen Fans waren aus dem Häuschen.

Nun, in der Schule geht es normalerweise nicht so hoch zu und her. Aber auch im Kleinen gilt: Wer «fertig» ist, bevor es «fertig» ist, wird unter seinen Möglichkeiten bleiben. Wenn das ab und an vorkommt, sei’s drum. Wer es sich aber zur Gewohnheit gemacht hat, schon vor dem Ziel die Zügel schleifen zu lassen, dem werden diese letzten Meter mit der Zeit fehlen. Denn sie summieren sich – im Ergebnis ebenso wie im Charakter. Die letzten Meter sind die schwersten, heisst es, und hier kommt wiederum der innere Schweinehund ins Spiel. «Können wir schon wegräumen, es ist ja bald Pause?» «Den Rest mache ich dann später.» «Das reicht, es hat ja niemand gesagt, es müsse schön aussehen.» Viele Arbeiten bleiben unter ihrem eigentlichen Wert, weil genau dieses letzte Stück fehlt. Häufig bräuchte es gar nicht mehr viel. Und doch bringen viele Schüler (und nicht nur sie) die Energie nicht mehr auf, der Arbeit diesen letzten Schliff noch zu geben, die sie schlussendlich auszeichnet. Und den Schüler auch. Johann Wolfgang von Goethe hat schon vor langer Zeit erkannt: «Die letzten Stufen werden am schwersten und seltensten erstiegen.» Kein Wunder: Der innere Schweinehund stellt sich in den Weg. Und er kann so eingängig darlegen, dass das Resultat bei weitem genüge und was man denn mehr wolle und dass das doch nichts bringe und dass es deswegen keine bessere Note gebe und dass man jetzt schon genug gemacht habe und überhaupt. Und dann noch aufräumen, was soll denn das? Du kannst doch alles liegen lassen, du brauchst es doch morgen wieder. Das stört ja niemanden. Doch:

Was es verdient, gemacht zu werden, verdient es auch, richtig gemacht zu werden.

Nun, was heisst das für die Schule? Es braucht erstens ein klares Bekenntnis: Das ist uns wichtig! Dieses Bekenntnis nicht beschränken auf ein paar wohlformulierte Sätze im Leitbild. Es muss ein Bekenntnis sein, das sich nicht in Worten zeigt, sondern in Taten. Nicht im Mundwerk, sondern im Handwerk. Das bedeutet dann beispielsweise, konsequent Qualität einzufordern. Wenn die Schüler zufrieden sind mit ihrer Arbeit, heisst das ja noch lange nicht, dass auch der Lehrer zufrieden sein muss. Qualität nicht einzufordern, bloss um eine Konfrontation zu vermeiden (zu wessen Schutz auch immer), führt zu einer Kultivierung des Mittelmasses und im schlimmsten Fall zur Kultivierung des Minimums. Das kann es nicht sein. Qualität hat eine inhaltliche Dimension. Aber sie hat auch eine formale. Und eine ästhetische. Qualität ist ein Gesamtpaket.

Am Ende wird alles gut! Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende.

Das geht einher mit einer Art Qualitätskultur. Qualität erhält eine spezielle Beachtung, spezielle Feedbacks. Das wiederum setzt klare Bezugsnormen voraus: Wann ist eine Arbeit «fertig» und wann ist sie «gut»?

Es kann auch heissen, den Schluss einer Arbeitseinheit speziell auszuzeichnen, zum Beispiel die letzten zehn Minuten. Sie dienen dazu, den letzten Schliff zu geben oder die Fortsetzung der Arbeit aufzugleisen. Es ist aber auch die Zeit, um alles aufzuräumen und das Material in Ordnung zu bringen, um zu einem sauberen Abschluss zu kommen und den grossen Bogen zu Ende zu führen. Der kann zu guter Letzt auch noch darin bestehen, dass man sich in einer Schussrunde kurz gegenseitig über den individuellen Lernzuwachs informiert.

Selbstregulation

Wer dem inneren Schweinehund also einigermassen gewachsen sein will, muss fit sein. Mental fit. Wer mental fit ist, hat sein Verhalten einigermassen im Griff. Selbstregulation, Selbstdisziplin oder auch Selbstkontrolle sind Stichworte dazu. «Das heisst», so Manfred Spitzer, «die Kontrolle, die wir durch aktive Denkprozesse über unser Handeln haben können. Sie ist wichtig, weil nur Menschen, die sich selbst im Griff haben, langfristig die Ziele erreichen, die sie sich selbst gesteckt haben. Dies ist gleichbedeutend damit, dass nur für Menschen, die sich selbst unter Kontrolle haben, langfristig Aussicht darauf besteht, dass sie glücklich werden. Und glücklich werden wollen alle.»

Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist gleichsam Grundlage für selbstverantwortliches, eigenaktives und selbstwirksames Lernen und Arbeiten. Sie ist ebenfalls Grundlage für ein gutes soziales Zusammenleben. Die Kompetenz, konstruktiv zu denken und zu handeln beruht auf gut ausgebildeten exekutiven Funktionen.

Im engeren Sinne gehört dazu erst einmal die Inhibition, also die Fähigkeit, etwas trotz bestehender Impulse nicht zu tun. Es wirkt wie eine Art Stoppsignal zwischen Reiz und Reaktion. Stoppsignale hindern Automobilisten daran, einfach drauflos zu fahren. Stattdessen treten sie auf die Bremse und vergewissern sich, ob sie die Fahrt fortsetzen können. Sie haben sich und ihr Vehikel unter Kontrolle. Denn sich möchten ja sicher und wohlbehalten an ihr Ziel kommen.

Das Leben – auch in der Schule – bietet unendlich viele Möglichkeiten, genau das nicht zu tun, was man eigentlich tun sollte oder wollte. Wer sein Verhalten im Griff hat, widmet seine Aufmerksamkeit also vornehmlich den Dingen, die ihn den angestrebten Zielen näherbringen. Doch «Aufmerksamkeit» ist nicht gleich «Aufmerksamkeit». Das menschliche Gehirn verfügt über zwei unterschiedliche Systeme, die zueinander in Konkurrenz stehen – reizgesteuerte und willensgesteuerte Aufmerksamkeit. Die eine folgt – wie der Name sagt – den Reizen: dem Gekicher da drüben, dem Vogel vor dem Fenster, den Gegenständen auf dem Tisch, dem Stift, der auf den Boden fällt, dem Blick der Tischnachbarin, dem Grummeln des Magens, den Erinnerungen an das Spiel in der Pause. Das reizgesteuerte Aufmerksamkeitssystem hat ein leichtes Spiel. Es ist in dieser reizüberfluteten Umgebung immer etwas da, dem es sich zuwenden kann. Und die heutigen Kinder sind sich gewohnt, sich aufmerksamkeitsbindenden Reizen auszuliefern. Demgegenüber hat die willensgesteuerte Aufmerksamkeit einen schweren Stand. Dafür muss man eine Leistung erbringen – «to pay attention» heisst es bezeichnenderweise auf Englisch. Nun ist aber just dieses Aufmerksamkeitssystem eine Voraussetzung für erfolgreiches schulisches Lernen. Also die Fähigkeit, die erforderliche Willenssteuerung aktivieren zu können, um jenen Impulsen zu folgen, um die es geht.

Das wirkt sich auch unmittelbar auf das Arbeitsgedächtnis aus. Fünf bis sieben Elemente (Wörter, Zahlen) kann das Arbeitsgedächtnis mit seiner begrenzten Speicherkapazität über wenige Sekunden verfügbar halten. Das ermöglicht das Weiterdenken und bildet so die immer neue Grundlage für weitere Operationen.

Damit das Gedächtnis seine Arbeit störungsfrei verrichten kann und uns auf dem Weg zu unserem Ziel erfolgreich unterstützen kann, ist die kognitive Flexibilität erforderlich. Diese Fähigkeit erlaubt es, sich schnell auf sich verändernde Anforderungen oder neue Situationen einzustellen und zu reagieren. Sie hilft, Perspektivenwechsel vorzunehmen, lustvoll neue Lösungswege zu suchen, sich zu überlegen, ob man Dinge auch ganz anders machen könnte. Zudem schafft sie die Voraussetzung, offen zu sein für die Argumente anderer, aus Fehlern zu lernen und generell mit Veränderungen konstruktiv umzugehen.

Was man schon weiss und kann, muss man nicht mehr lernen. Lernen findet deshalb immer in einer Zone der nächsten Entwicklung statt. Man tastet sich in ein Gelände vor, das man noch nicht kennt, man verlässt die eigene Komfortzone. Und dafür sind die exekutiven Funktionen unerlässlich. Sie lassen sich trainieren. Und trainiert werden sie, indem man sie braucht. Zum Beispiel indem man verführerischen Bequemlichkeitsangeboten widersteht – das nächste Stück Schokolade nicht isst, trotz des schlechten Wetters laufen geht, mit der Arbeit beginnt, statt Filmclips anzuschauen, das Abwaschen nicht auf später verschiebt.

Willensstärke ist allerdings eine beschränkt verfügbare Ressource. Man kann sie zwar eben trainieren. Man kann und muss sie jedoch auch entlasten. Und entlasten heisst: Dispositionen treffen, die dazu führen, dass weniger Selbstregulation erforderlich ist. (Ehrnsberger/Hille 2017) Das ist unter anderem dann der Fall, wenn die Umwelt ein zwingendes Arrangement schafft. Beispielsweise bekunden viele Kinder allergrösste Mühe, ihre Aufmerksamkeit nicht dem Handy zuzuwenden. Das schaffen sie jedoch ohne Weiteres, wenn das Handy gar nicht zur Hand ist. Aus den Augen aus dem Sinn. Oder wer Mühe hat, auf Süssigkeiten zu verzichten, dem fällt das wesentlich leichter, wenn gar keine Schokolade in Griffweite ist. Was verfügbar ist, ist stets eine Option.

Exekutive Funktionen entlasten heisst damit ganz einfach: Optionen reduzieren. Also beispielsweise nur die Arbeit auf dem Schreibtisch haben, um die es jetzt geht. Als hilfreich erweist sich ebenfalls die Verschriftlichung und Visualisierung von Arbeitsaufträgen. Und von erheblicher Bedeutung ist natürlich eine störungsfreie Lernatmosphäre. Denn wer sich nur unzureichend im Griff hat, nimmt Ablenkungen aller Art höchst dankbar auf.

Eine hochwirksame Entlastungsfunktion kommt guten Gewohnheiten zu. In nahezu allen Anforderungssituationen, bei Stress und entsprechend leerem «Selbstkontrollspeicher» bewahrt die Macht der guten Gewohnheit die Menschen nachhaltig vor schädlichem Verhalten. Gewohnheiten bleiben, selbst wenn man müde ist.

Also: Was gelingen soll, ist in starkem Masse abhängig von exekutiven Funktionen. Sie bedürfen eines kontinuierlichen Trainings. Gleichzeitig kann und muss man sie entlasten. Gute Gewohnheiten erweisen sich dabei als besonders wirkungsvoll.

Niederlagen sind Teil des Erfolgs

Kinder vor Frustrationen und Enttäuschungen schützen zu wollen, das ist normales und natürliches Elternverhalten. Aber wie so vielerorts gilt auch hier: Die Dosis macht das Gift. Zu viel des «Guten» tut nicht gut. Überbehütete und mit Lob überschüttete Kinder neigen zu Egoismus. «Ich will – und zwar sofort» heisst der bezeichnende Titel über einem Text von Magrit Stamm. Sie zeigt auf, weshalb Kinder Mühe haben sich einzuordnen, kaum warten und schlecht mit Niederlagen umgehen können – und was die Folgen einer mangelnden Frustrationstoleranz sind. Die Menschen sind in dieser Beziehung sehr unterschiedlich fit. Die einen fühlen sich wegen jedes kleinen unerfüllten Wunsches am Boden zerstört. Andere gehen locker mit Niederlagen um und schöpfen sogar Energie daraus, um nächstes Mal halt einfach besser gewappnet zu sein. Letztere verfügen über eine Fähigkeit, die massgeblich daran beteiligt ist, ein erfolgreiches und selbstbestimmtes Leben zu führen. Eben: Frustrationstoleranz, also die Fähigkeit Frust, Probleme und Rückschläge aushalten zu können und konstruktiv damit umzugehen.

Der schulische Alltag ist prall gefüllt mit Möglichkeiten, auf irgendwelche Widerstände zu stossen und sich kleinere oder grössere Enttäuschungen einzuhandeln. Die Frage ist nur: Wie gehen Kinder und Jugendliche damit um? Margrit Stamm hat Zahlen ihrer Längsschnittstudie zu Frühlesern und Frührechnern unter diesem Aspekt neu ausgewertet und festgestellt: «Kinder, die in der Schule zur Leistungsspitze gehören, weisen eine überdurchschnittliche Frustrationstoleranz auf.» Bei den Kindern mit den besten schulischen Leistungen war der Anteil der frusttoleranten Kinder mehr als doppelt so hoch wie bei den leistungsschwächeren Schülern. (Donzé 2016) Will heissen: Kinder, die mit Widerständen und Rückschlägen umgehen können, sind wesentlich erfolgreicher. Denn jemand mit einer hohen Frustrationstoleranz ist in der Lage, diese Schwierigkeiten auszuhalten und trotzdem weiterzumachen. Er wird durchhalten, auch wenn es auf dem Weg manchmal schwierig wird und Einsatz und Disziplin gefordert sind. Für Margrit Stamm ist aufgrund ihrer Forschungen klar:

«Für den Erfolg in der Lehre sind Persönlichkeitsmerkmale wie Frustrationstoleranz sowie Arbeitsmotivation, Stressresistenz und Beharrlichkeit entscheidend.» (Stamm 2016)

Von der Schule verlangt das eine Art von Bildung und Erziehung, die dieses Etikett zu Recht trägt: transparent, engagiert, professionell, lösungsorientiert. Aufgabe des Lehrers ist es, den Kindern alternatives Handeln aufzuzeigen, wenn sie sich auf den Weg des geringsten Widerstandes begeben wollen. Er erspart es ihnen nicht, sich mit ihren Entscheidungen und den Konsequenzen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig leistet er die nötige Hilfe zur Selbsthilfe, damit sie lernen, aus Misserfolgen Erfolge zu machen.


Ehrnsberger, J., & Hille, K. (2017). Ein Blick in die Schule und zwei dahinter. hep Verlag. Bern 2017

Müller, Andreas: Schonen schadet. Wie wir heute unsere Kinder (v)erziehen. hep Verlag. Bern. 2018

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Lernen steckt an. hep Verlag. Bern. 2001

Müller, Andreas: Wenn nicht ich, …? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. hep Verlag. Bern. 2002

Müller, Andreas: Erfolg! Was sonst? Generierendes Lernen macht anschlussfähig. hep Verlag. Bern. 2004

Müller, Andreas: Eigentlich wäre Lernen geil. Wie Schule (auch) sein kann: alles ausser gewöhnlich. hep Verlag. Bern. 2006

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2008

Spitzer, Manfred: Üben, sich im Griff zu haben. In: Nervenheilkunde 11/2013

Ich will – und zwar sofort! Mangelnde emotionale Kompetenzen im Vorschulalter und ihre Folgen. margritstamm.ch. Blogeintrag vom 28.2.1016

Zuviel Lob schadet dem Kind. Von Rene Donzé. In: NZZ am Sonntag. 18.12.2016

 

Updated on 20. Mai 2018

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