Menschenbild

Das Bild, das wir uns von Menschen machen, prägt, wie wir die Beziehungen zu anderen Menschen wahrnehmen und gestalten. Dieses innere Bild steuert auf unbewusste Weise unser Verhalten und schlägt sich somit auch auf den Umgang mit den Lernenden nieder. Autonomie, Kompetenz und Eingebundenheit sind Bedürfnisse, mit welchen die Selbstbestimmungstheorie wesentliche Facetten des humanistischen Menschenbildes aufgreift. Inwiefern berücksichtigen Lehrpersonen diese Bedürfnisse im Unterricht? Mit welchem Bild (und also auch mit welcher Haltung) tritt eine Lehrperson den Lernenden gegenüber? Welche Erwartungen und Nicht-Erwartungen, Assoziationen und Konnotationen schürt unser eigenes Menschenbild in uns bei der täglichen Arbeit mit Schülerinnen und Schülern?

Der beständige Wandel des Schulsystems stellt uns vor Herausforderungen und Aufgaben, für dessen Bewältigung nicht nur fachliche und pädagogisch-didaktische Kompetenzen erforderlich sind, sondern es bedarf auch einer Auseinandersetzung mit Einstellungen und Haltungen, insbesondere der eigenen. Schlüsselworte für die konstruktive und entspannte Zusammenarbeit heissen: Vertrauen, Interesse und Verlässlichkeit.

Menschenbilder

In allen Kulturen und historischen Zeiten erzeugen Menschen Bilder von sich. Es ist ein Prozess menschlichen Imaginierens und Denkens, aus dem sich fundamentale und existentielle Vorstellungen herausbilden, welche sich ein Mensch vom Wesen der Menschen macht. Er braucht diese Bilder, um sich über sich selbst zu verständigen und sich selbst zu verstehen, aber auch, um sich als soziales Wesen in einem sozialen Umfeld zu orientieren und darin handeln zu können. Sein Menschenbild erlaubt ihm, das eigene Tun und das Tun der anderen zu erklären und zu antizipieren. Und dies wiederum ermöglicht es, sich anzupassen und Perspektiven zu entwickeln.

Menschenbilder sind also Konstruktionen des Menschen von sich. Es beinhaltet das, was man über Menschen weiss oder zu wissen glaubt, und in ihnen verbildlichen sich Wünsche, Normen und Werte. Viele dieser Überzeugungen sind so selbstverständlich, dass sie im Alltag selten überdacht werden, dies betrifft insbesondere die Grundüberzeugungen.

«Menschenbilder sind stets Vereinfachungen, die jedoch gerade wegen ihres vereinfachenden Charakters äusserst wirksam sind.» (Christoph Wulf)

Alle Menschen haben immer ein Menschenbild. Sie werden «durch andere Personen und durch Institutionen, durch Lernen, Prozesse der Identifikation oder der Abgrenzung geprägt und über die eigene Auseinandersetzung weiterentwickelt. Es ist dem Selbst nicht in jeder Hinsicht bewusst oder mitteilbar.» (Standop 2017) Die «Qualität» des Menschenbilds kann also unterschiedlich sein: bewusst oder unbewusst, diffus oder explizit. Wie auch immer: Dieses innere Bild steuert unser Verhalten. Die Welt ist so, wie wir sie sehen (wollen). Das heisst, jeder Mensch konstruiert sich seine Welt, seine Realität, seine Wahrheit, basierend auf den inneren Bildern, die wiederum (unbewusst) auf den eigenen Erfahrungen und Erinnerungen beruhen.

Der Pygmalion-Effekt

Pygmalion, ein griechischer Künstler, schuf eine Frauengestalt aus Elfenbein, behandelte sie mehr und mehr wie ein echter Mensch und verliebte sich schliesslich in sie. Am Ende wurde sein Wunsch, sie möge lebendig werden, durch Venus erfüllt, und aus einer reinen Vorstellung wurde damit Realität.

Als Pygmalion-Effekt (vgl. auch Rosenthal– oder Galatea-Effekt) wird nun bezeichnet, wenn sich eine (vorweggenommene) positive Einschätzung eines Schülers durch einen Lehrer (z.B. der Schüler ist hochbegabt) im späteren Verlauf faktisch bestätigt. Erklärt wird dieser Effekt dadurch, dass der Lehrer den Schülern seine Erwartungen in subtiler Weise übermittelt, z. B. durch persönliche Zuwendung, die Wartezeit auf eine Schülerantwort, durch Häufigkeit und Stärke von Lob und Tadel oder durch hohe Leistungsanforderungen. Der Effekt beruht also auf einer unbewussten Verhaltensänderung, die das Ergebnis hinsichtlich dieser Erwartungen in positiver Weise beeinflusst. Der gegenteilige Effekt, also eine negative Erwartungshaltung mit entsprechend negativem Ergebnis, wird als Golem-Effekt bezeichnet.

Hält man sich also vor Augen, dass die Vorbewertung einer Lehrperson sich tatsächlich in eine messbare Verbesserung oder Verschlechterung in Richtung der Erwartungen niederschlägt, so wird offensichtlich, wie fundamental das Menschenbild einer Lehrperson in der pädagogischen Arbeit wirkt: Die Vorbewertungen und vorweggenommenen Erwartungen einer Lehrperson beeinflusst unmittelbar die Selbstwirksamkeitserwartung des Lernenden. Dieser Umstand ist besonders vor dem Hintergrund fatal, als dass diese Mechanismen im Schulalltag oftmals auf ganz unbewusste Weise ablaufen.

What you get is what you see.

Der Effekt, den unser Menschenbild auf unsere Wahrnehmung und unser Verhalten hat, ist ein zirkulärer. Quasi als self-fulfilling prophecy ergibt sich je nach Ausprägung dieses Menschenbildes ein negativer oder positiver Zirkel resp. eine Aufwärts- oder Abwärtsspirale:

Des Lehrers Menschenbild – des Lernenden Vorbild

Übertragen auf die Schule bedeutet das: Lehrpersonen haben diejenigen Lernenden, die sie sich vorstellen. Das Bild, das sich Lehrpersonen von den Lernenden machen, tragen sie in ihrem biografischen Rucksack mit. Aus dem Menschenbild des Lehrenden ergeben sich Grundhaltungen, welche wiederum in Handlungen zum Ausdruck kommen. Und da pädagogisches Handeln immer auch Handeln am Individuum bedeutet, konstituieren diese Menschenbilder nicht nur die Wahrnehmung, Evaluation und Bewertung von Lernenden, sondern beeinflussen auch massgeblich die Gestaltung von Lehr-Lern-Situationen, den Lernprozess und letztlich auch den Lernerfolg.

Implizit oder explizit basiert jedes pädagogische Handeln auf Menschenbildern und mit diesen eng verbundenen Vorstellungen von Welt und Gesellschaft. So liegt beispielsweise alles, was die Lehrperson äussert, auf einer bestimmten Annahme, auf einer bestimmten Konstruktion des Lernenden. «Professionelle Haltungen» von Lehrkräften spielen in aktuellen Diskussionen um pädagogisches Handeln und Wirken daher eine grosse Rolle. So wird die Bewusstmachung und das Nachdenken über Menschenbilder und deren Wirkung beim Handeln als Lehrende auch zunehmend zum Gegenstand der Lehrausbildung.

«Zu allen Zeiten haben Menschenbilder unterrichtliches Handeln in der Schule beeinflusst und geformt. […] In jeder Handlung, die eine Lehrkraft im Kontakt mit Kollegen, Eltern, Heranwachsenden vollzieht, realisiert sie einen Teil ihres Menschbilds, in der Regel, ohne sich dessen explizit bewusst zu sein. Implizit ist das Menschenbild in allen Denk- und Handlungsakten vorhanden, wird aber meist nicht explizit thematisiert. Bei allem Wissen um tragfähige Konzepte und Entwicklungslinien zur Verbesserung von Schule und Unterricht, wird die Wirkung der impliziten und expliziten Vorstellungen des Menschen von sich selbst und anderen häufig übersehen. Doch gerade Menschenbilder spielen eine entscheidende Rolle bei der Akzeptanz und Umsetzung neuer Erkenntnisse über gemeinsames Lernen und die Entwicklung von Schule und Unterricht.» (Jutta Standop 2014)

Nicht viele Lehrpersonen sind sich ihres Menschenbildes bewusst.

Je bewusster eine Lehrperson jedoch weiss, auf welchen Werthaltungen ihr Handeln, ihr Sinnverständnis basiert, desto klarer und flexibler kann sie sich steuern: Ihr Selbstmanagement wäre ein anderes.

Der enorme wissenschaftliche und technische Fortschritt, insbesondere in der Gehirnforschung seit ca. Mitte des 20. Jahrhunderts, haben zu deutlichen Veränderungen geführt, was die pädagogische Interpretation des Menschen betrifft: Seit die Gehirnforschung dem Menschen die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen, also die Fähigkeit zur Veränderung, attestiert hat, ist dieses biologische Bild zunehmend auch in die Pädagogik eingeflossen – in Form von Lerntheorien, Methoden und neuen Grundhaltungen. Auch die zunehmende Heterogenität in der Gesellschaft hat das Bildungskonzept wesentlich beeinflusst: Unabhängig vom jeweiligen sozialen, kulturellen und ethnischen Hintergrund etc. geht das heutige Menschenbild davon aus, dass es gleiche Chancen für alle gibt. Auch hat eine Verschiebung von der Defizit- zur Ressourcenorientierung stattgefunden. Und Lehrerprofessionalität wird nicht mehr nur mit fachlichem Vermögen gleichgesetzt, sondern vermehrt mit der Fähigkeit der Beziehungsgestaltung. Solche grundlegenden Veränderungen basieren stets auf einer selbstreflexiven Auseinandersetzung mit den eigenen Konstruktionen und Grundannahmen. Und es gilt auch weiterhin: Veränderungen, Prozesse und Reformen sind nur möglich, wenn Haltungen überprüft und neu gebildet werden. Sowohl im Grossen wie auch im Kleinen.

Jede Veränderung ist eine Selbstveränderung.

Eine besondere Wirkung entfalten Menschenbilder in Beziehungen zwischen einem Erfahreneren, Mächtigeren und einem Unwissenderen, Abhängigen wie es insbesondere Erziehungssituationen sind, so Jutta Standop. Die Aufgabe «Werteerziehung» verlangt daher eine bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Menschenbild. Lebe ich einen pädagogischen Optimismus oder einen pädagogischen Pessimismus: Ist das Glas halb leer oder halb voll? Die Grundhaltungen der Lehrenden zeigen sich immer auch darin, auf welche Art und Weise sie mit dem Schüler interagieren, d.h. in der Begegnung von Person zu Person. Kurz: Aus Haltungen ergeben sich Handlungen und aus Handlungen Beziehungen. Und diese wiederum bestimmen den zwischenmenschlichen Umgang in Arbeitssituationen.

«Viele Prozesse im Unterricht werden – oftmals unbewusst – durch das Menschenbild der Handelnden beeinflusst. Die Einstellungen und Haltungen von Lehrpersonen haben einen erheblichen Einfluss auf die Interaktion mit Heranwachsenden und auf das Schülerbild. Vor allem eine funktionierende, vertrauensvolle Lehrer-Schüler-Beziehung bildet die Basis für erfolgreiches Lernen in der Schule. Sieht die Lehrkraft das Kind als Subjekt des eigenen Lernprozesses, hat dies entscheidenden Einfluss auf die Planung und Durchführung von Unterricht, die Auswahl der Medien und Methoden, die Leistungsbewertung sowie auf die Interaktion mit der Klasse. Am Subjekt ausgerichtete Lernarrangements ermöglichen es, die Kinder und Jugendlichen individuell zu fördern und ihnen die eigenen Lernfortschritte erfahrbar zu machen.» (Klaus Proost)

«Es ist das Ethos, an dem die Lehrer arbeiten, was wirkt, was die Atmosphäre der Schule mitbestimmt, was geschätzt wird.» (Johann Wolfgang Goethe)

Das Selbst- und Schülerbild von Lehrpersonen ist entscheidend in Bezug auf didaktische und methodische Entscheidungen. Das Selbst- und Schülerbild von Lehrpersonen ist aber auch entscheidend in Bezug auf das Selbst- und Fremdbild von Lernenden. Erleben sich Lehrpersonen (aufgrund schulischer Traditionen) beispielsweise als Einzelkämpfende, so geben sie ihren Schülern dadurch unbewusst ein ebensolches Vorbild. Lehrpersonen kommt aufgrund ihrer Funktion eine besondere Verantwortung zu, wobei sie dieser Verantwortung nur gerecht werden können, wenn ein gutes Beziehungsverhältnis besteht. Denn Selbstwirksamkeit kann sich nur dort entwickeln, wo eine sichere Bindung besteht. Und eine sichere Bindung entsteht nur dort, wo eine authentische Haltung (vor)gelebt wird.

«Das Menschenbild jeder ‹guten Lehrerin› und jedes ‹guten Lehrers› ist ein humanistisches Menschenbild, in dem davon ausgegangen wird, dass jede Schülerin und jeder Schüler nach einem persönlichen Wachstum strebt, nach Lebensgestaltung aus eigener Kraft, dass sie bzw. er Selbstverantwortung übernehmen möchte und dabei sowohl nach Autonomie als auch nach Bindung strebt. Daraus resultierende Haltungen auf Seite der Lehrerin bzw. des Lehrers sind beispielsweise Akzeptanz der fremden Person, Glauben an die Lernfähigkeit, Zutrauen zur Selbstregulationsfähigkeit, Wertschätzung gegenüber anderen und Ehrlichkeit. Durch das Ausbalancieren von Nähe und Distanz ermöglicht die Lehrperson sowohl Sicherheit als auch Selbständigkeit. Wenn Lehrpersonen auf der Grundlage dieser Haltungen z.B. fragen, zuhören, Angebote unterbreiten, Feedback geben oder beobachten, dann begünstigen diese Handlungen den Aufbau von förderlichen Beziehungen zu Lernenden.» (Arbeitspapier Lernbegleitung)

Lernende erleben sich oft als Ausführende dessen, was verlangt wird. Sie sehen sich als Opfer, als Empfänger von Befehlen, Gehorchende oder auch als Problemfälle, Widerständige, Aufmüpfige… Wenn es in der Schule darum gehen soll, ihnen ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu ermöglichen, sie in der Überzeugung zu stärken, ihr Leben meistern zu können, so kann dies nur in der Selbsttätigkeit geschehen. Und hier hat die Lehrperson nicht nur Begleiter, sondern auch Vorbild zu sein. Lernende verfügen über das Potenzial zur Autonomie, Rationalität und Reflexivität, und es ist Aufgabe der Lehrenden, diese Potenziale zu fordern und zu fördern. Dazu gehört beispielsweise auch, dass sie die nötige Sensibilität aufbringen im Umgang mit Bewertungen anderer Menschen und sie bewusst und souverän kommunizieren und handeln.

Die Bedingung für das Entstehen des «Ich» ist die Begegnung mit dem «Du.»

Emotionales Wohlergehen, das Gefühl von Sicherheit und Respekt sind wesentliche Faktoren für Lernerfolg. Das Menschenbild, d.h. die gelebte und erlebte Schulkultur, kann also identitätsstiftend sein und dazu beitragen, dass die Lernenden jene Fähigkeiten ausbilden können, die sie fit fürs Leben machen.

Schlüsselwort Vertrauen

Ein Schlüsselwort für die konstruktive und entspannte Zusammenarbeit heisst: Vertrauen. «Die Gesellschaft der Zukunft ist zum Vertrauen verurteilt», schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk. Doch wie sieht es eigentlich mit der Vertrauenskultur an Schulen aus? Sie gebärdet sich eher als Fluchtverhinderungssystem. Das manifestiert sich in den vielfältigen Kontrollorgien. Prüfungen, Aufgabenkontrollen, unangemeldete Tests, Abfragerituale weisen auf ein schulisches Denkmuster: Lernenden tun nur dann etwas, wenn man sie dazu zwingt.

Und in der Tat: So ist es. Kontrolliert und misstrauisch beobachtet, muss sich der Lernende zu unkooperativem Verhalten geradezu ermutigt fühlen. Denn die inneren psychologischen Kosten eines schlechten Gewissens entfallen. Oder anders gesagt: Je mehr Kontrollen, desto defizitärer ein System. «Fehlt es an Vertrauen», stellt Reinhard Sprenger fest, «ist alles wie verhext. Dann bekommt die Beziehung gleichsam eine Minus vor die Klammer. Alles verkehrt sich ins Gegenteil.» Und an anderer Stelle: «Aufgrund unserer biologischen Prägung entwickelt sich der Mensch unter bestimmten Bedingungen, unter anderen kümmert er dahin. Alle psychologischen und soziologischen Fakten beweisen, dass der Mensch unter Vertrauensbedingungen aufblüht.» (Sprenger 2002)

Schlüsselwort Interesse

Wenn Lernende sich zu mehr verpflichten sollen als zu blosser Anpassung, brauchen sie ein Gefühl der Zugehörigkeit. Sie brauchen die Gewissheit, dass ihnen die Lehrperson wohlwollend gegenübersteht, dass sie sich um sie sorgt.

Das führt zum zweiten Schlüsselwort: Interesse. Lernende wollen nicht verwaltet werden. Sie dürfen erwarten, dass Lehrpersonen sich für sie interessieren, für ihre Situation, ihre Bedürfnisse, ihre Ziele. Da gehört einmal ein professionelles Interesse dazu. «Ich verhelfe ihm zum Erfolg, dafür bin ich da», hat Darren Cahill, der damalige Coach von Andre Agassi, gesagt. Das gilt ohne Abstriche auch für die Schule. Wer das will – eben: den persönlichen Erfolg eines jeden Lernenden – muss zu ihnen eine verhelfende Beziehung aufbauen. Und das wiederum setzt voraus, dass man sich für die Menschen interessiert, die jeden Tag zur Schule kommen (müssen). Das würde in der Konsequenz heissen: In der Mathematik geht es weniger um Mathematik als um Menschen.

Und das geht über ein rein professionelles Interesse hinaus. Gerade heutzutage, in einer Zeit, in der viele Kinder und Jugendliche in «beziehungsfernen» Situationen aufwachsen, kann die Schule (oder muss sogar) einen wesentlichen Beitrag leisten zu einer «gesunden» Sozialisation. Erziehung durch Beziehung könnte vielleicht die Devise für die Menschen in den Schulen lauten.

Das Identifikations-Widerstands-Modell

Kein Lernen ohne Beziehung – Beziehung zu sich, zu anderen, zu den Dingen, um die es geht. Beziehung ist die Grundlage für eine gesunde Identifikation. Und diese wiederum ist Voraussetzung für den Umgang mit Widerstand, der jedem Lernen eigen ist. Wenn Lernende Freude entwickeln sollen am Umgang mit den Widerständigkeiten des Lernens, braucht es Identifikation. Identifizieren kann man sich mit Sachen, mit Kontexten (Peers, Normen, Vereine) und mit Personen. Das echte Interesse an den Lernenden und an ihrem Erfolg fördert die Identifikation mit der Institution und den Personen, die diese Institution prägen. Und das zeigt Wirkung. Denn: Je höher die Identifikation, desto geringer der Widerstand.

Schlüsselwort Verlässlichkeit

Kultur und Werteorientierung werden geprägt durch die Personen, die die Werte setzen. In der Schule sind das die Lehrpersonen. Sie bilden also – ob sie das wollen oder nicht – eine Art Bezugssystem für Haltungen und Verhalten.

Nun kann ja auch von Lehrpersonen niemand erwarten, dass sie jeden Abend Kopfweh haben, weil der Heiligenschein sie drückt. Was man aber erwarten kann: Dass sie verlässliche Partner der Lernenden sind. Dazu gehört: Verbindlichkeiten eingehen. Verbindlichkeiten einhalten. Und Verbindlichkeiten einfordern. Denn das ist eine Form des Sich-gegenseitig-Ernstnehmens.

Werte lassen sich nicht vermitteln. Werte werden gelebt. Sie werden sinnlich wahrnehmbar durch all das, was die Menschen – zum Beispiel in der Schule – tun. Und durch das, was sie nicht tun. Einer dieser Werte heisst Verlässlichkeit. Das ist ein Relationsbegriff. Wie so viele andere Wertebezeichnungen auch. Das bedeutet: Er ist relativ zu dem, was damit angefangen wird. Und das bedeutet weiter: Wer Verlässlichkeit (oder Freundlichkeit, oder Pünktlichkeit, oder Respekt, oder Wertschätzung) erwartet, muss durch sein Verhalten zeigen, was damit gemeint ist. Daraus entwickelt sich so etwas wie Glaubwürdigkeit. Und eben auch Verlässlichkeit.

«Ich lege jetzt meine Waffe weg. Dann können wir miteinander reden.» (Derrick)


Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: Vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2. Auflage 2013

Müller, Andreas: Die Schule schwänzt das Lernen. Und niemand sitzt nach. hep Verlag. Bern. 2013

Müller, Andreas: Neue Rollen für die Lehrer. Spirit of Learning. Institut Beatenberg. 2003

Nowak, Elisabeth Josefine: Responsivität und Werte. Empirische Studie zum ethisch-pädagogischen Potenzial bei Lehrpersonen zur Entwicklung einer responsiven Wertekompetenz. Verlag Julius Klinkhardt. Bad Heilbronn. 2016

Schwer, Christina/Solzbacher, Claudia (Hrsg.): Professionelle pädagogische Haltung. Historische, theoretische und empirische Zugänge zu einem viel strapazierten Begriff. Verlag Julius Klinkhardt. Bad Heilbronn. 2014

Sprenger, Reinhard K.: Vertrauen führt. Worauf es im Unternehmen wirklich ankommt. Campus. Frankfurt/New York. 2002

Standop, Röhrig und Winkels: Menschenbilder in Schule und Unterricht. Beltz Verlag. Weinheim/Basel. 2017

Haltung. Schulpraxis 3/2014. LEBE. Bern. 2014

Arbeitspapier Lernbegleitung. Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung. Hamburg. 2012

 

 

Updated on 15. Mai 2018

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