Lernorte

Der Mensch und seine unmittelbare Umgebung stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander: Die Umgebung prägt das Verhalten und das Verhalten prägt die Umgebung. Und so wirkt auch die Lernumgebung determinierend auf das Verhalten von Lernenden. Nicht von ungefähr spricht man denn auch vom Schulraum als drittem Pädagogen oder als implizitem Curriculum. Wer erfolgreiches Lernen fördern will, schenkt deshalb der Umgebung die nötige Beachtung (und den nötigen Respekt). Anders gesagt: Der Lernort widerspiegelt die Haltung und Einstellung gegenüber dem Lernen und den Lernenden. Eine Kultur des Lernens entwickelt sich leichter an Orten, die den entsprechenden Bedürfnissen Rechnung tragen. Daher gilt es, Lernbedingungen zu schaffen, die die Lernenden zu aktivem, kommunikativem und kooperativem Tun ermuntert. Dabei geht es weniger um grosszügige Platzverhältnisse und modernes Equipment, sondern vielmehr um den grundsätzlichen Umgang mit Raum und Rauminhalt. Und insbesondere um die Botschaft, die damit ausgesendet wird. Lernfördernde und inspirierende Räume zu schaffen, bedeutet, Lernorte bewusst – funktional und zweckmässig, inspirierend und aktivierend – zu gestalten. Daran lässt sich erkennen, welche Beziehung die Menschen haben zum Ort und zu dem, was sie an diesem Ort tun. Und lassen.

Die Lernumgebung beeinflusst das Verhalten

Schulische Räumlichkeiten – namentlich die Klassenzimmer – sind in der Regel für ein Kollektiv gedacht und gebaut und wurden ausschliesslich als «Lehrorte» und nicht als «Lernorte» entworfen. Das Konzept folgt gemeinhin dem Vorne-Hinten-Prinzip. Vorne sitzt der Lehrer. Hinten sitzen die Schüler. Die Wandtafel hat zwar bisweilen dem Whiteboard oder dem Smartboard Platz gemacht. Auf das Aktivitätsmuster hat das wenig Einfluss gehabt. Schule ist Sitzen. Schule ist Zuhören. Schule ist Schreiben. Das machen alle. Und alle zur gleichen Zeit. Und jeder für sich. Zugegeben: Diese Beschreibung trägt der Vielfalt schulischen Lernens nicht angemessen Rechnung. Allerdings: Die Ausnahme bestätigt auch hier die Regel. Mehrheitlich funktioniert die Schule noch immer so. Und die Bilder, die man real oder im Internet unter dem Begriff «Klassenzimmer» findet, liefern eine augenfällige Bestätigung.

«Eine einfache architektonische Anordnung mit langen, monotonen Fluren und demotivierend wirkenden Klassenräumen bilden die Umgebung, in der Schüler und Lehrer die meiste Zeit ihres Lebens verbringen. Das Klassenzimmer ist der Ort, der sich in den letzten Jahrzehnten am wenigsten verändert hat. Es ist nicht verwunderlich, dass die Identifikation der Schüler mit der Schule, die für die Erhöhung der Effektivität der Bildung doch von so grosser Bedeutung ist, in solch einer Umgebung sich nur schwer erreichen lässt.» (Ostaszewska)

Das hat Konsequenzen, denn der Raum bestimmt das Verhalten. Das ist in der Kirche so. Das ist in den eigenen vier Wänden so. Das ist in der Schule so.

Wo der Aktivitätsschwerpunkt liegt, liegt die Verantwortung.

Und die Aktivität geht zumeist von der Stirnseite aus. Personalisiertes Lernen verlagert Aktivitätsschwerpunkt und Verantwortung allerdings zunehmend hin zum einzelnen Lernenden. Wenn der Aktivitätsschwerpunkt also nicht mehr «vorne», sondern bei den Lernenden sein soll, muss sich das auch in der Raumgestaltung zeigen. Wenn Schüler voneinander und miteinander lernen sollen, braucht das eine bestimmte Art der Raumorganisation.

Natürlich liegt es nicht an den Räumen allein. Wenngleich viele Schulen, die sich auf den Weg zu einer «neuen» Lernkultur begeben, zuerst einmal die räumlichen Strukturen auf den Kopf stellen. Doch das erweist sich nicht selten als Rohrkrepierer. Damit der Raum seine pädagogische Wirkung entfalten kann, müssen auch in Lehrer- und Schülerköpfen ein paar Wände ausgebrochen und ein paar Möbel umgestellt werden.

Nichtsdestotrotz: Räume limitieren oder ermöglichen bestimmte Verhaltensweisen. Oder zumindest: Sie erleichtern oder erschweren personalisierte Lernformen, die in kooperative Arrangements eingebunden sind. Ein strukturelles Herzstück von solchen Arrangements sind Lernräume, die ein bisschen den Charakter eines Grossraumbüros haben. Doch der Einflussbereich der Schule bezieht sich darüber hinaus im Wesentlichen auf vier Ebenen der Lernortgestaltung:

Mikro-Umgebung

Damit ist der eigentliche Arbeitsplatz eines Lernenden gemeint, die ganz persönliche Umgebung. Der Ort, an dem das Bild des Lieblingsspielers hängt, das Andenken an die letzten Ferien, die Karte eines Freundes. Dem persönlichen Arbeitsplatz kommt die Funktion einer Homebase zu: Da fühle ich mich zuhause. Da ist es mir wohl. Hier kann ich verweilen.

Arbeitsplätze können nach dem Prinzip der offenen Nischen gestaltet sein. Nischen deshalb, weil sie Rückzugsmöglichkeiten bieten, und Rückzugsmöglichkeiten wiederum erzeugen das Gefühl von Sicherheit. Und offen, damit die Kommunikation in der Gruppe auf einfache Weise möglich ist. Strukturell haben solche Lernräume, die der Aktivität, der Kommunikation, aber auch der Konzentration dienen, den Charakter von Grossraumbüros. Arbeitsplätzen kommt aber auch eine funktionale Rolle zu, entsprechend sind sie einzurichten. Nämlich so, dass sie dem Lernen dienen: Es ist alles da, was man braucht.

Meso-Umgebung

Damit ist der Raum gemeint, der die Arbeitsplätze beherbergt. Wenn immer möglich werden darin verschiedene funktionale Zusatzräume und Arbeitsnischen geschaffen. Sie dienen den Restformen von Unterricht – sie werden genutzt für Fachateliers, für Inputs, für Besprechungen, für kooperative Lernaktivitäten. Und wenn keine solche Räume und Plätze verfügbar gemacht werden können, dann lassen sich verschiedene Funktionen auch innerhalb eines Klassenzimmers schaffen:

Makro-Umgebung

Damit ist die Schule mit ihrer gesamten Infrastruktur gemeint, das Haus, in dem Lernen seinen Lebensraum hat. Lernhäuser sind gastliche Häuser. Sie laden ein. Zu aktivem Handeln. Sie sind deshalb im wahrsten Sinne des Wortes offen. Die Arbeitsräume beginnen nicht erst hinter einer Tür, sondern beziehen das gesamte Haus ein, schliessen die Korridore mit ein.

Wer lernt, vernetzt und verbindet Dinge miteinander. Diesem Prinzip folgen auch die Häuser, in denen Lernen stattfindet. Sie verbinden Räume und Menschen miteinander. Und sie wirken auch so nach aussen. Wie Menschen, so zeichnen sich auch einladende Schulen durch bestimmte Gesten der Gastlichkeit aus: Sie heissen die Menschen willkommen.

Mondo-Umgebung

Damit ist all das gemeint, was ausserhalb der Schulgebäude liegt – die «Welt». Lernen kann man überall. Lernen ist nicht an Räume gebunden. Lebensorte sind oftmals idealere Lernorte und bieten ein unerschöpfliches (und unausgeschöpftes) Reservoir an Lernanregungen – meist erst noch gratis und franko. So ist der natürliche Bachlauf beispielsweise weitaus attraktiver und herausfordernder, um sich entdeckend mit der Welt auseinanderzusetzen als das Wasser im Reagenzglas.

Lernen basiert auf Erfahrung, nicht auf Belehrung. Denn Erfahrung ist die Grundlage aller Erkenntnis, und Erfahrung findet im Kontakt mit aktuellen und realen Lebenswelten und Lebensräumen statt. Die Welt kann ins Schulzimmer geholt werden, doch kann umgekehrt auch das Schulzimmer in die Welt verlegt werden. Ein Netzwerk von ausserschulischen Partnern – Vereine, Unternehmen, soziale Einrichtungen, Eltern, Behörden – schafft Lebens- und Praxisnähe. Und die Verbindung zu Partnerinstitutionen über Sprach- und Landesgrenzen hinweg öffnet ein weiteres Tor zur Welt.

Eine Erweiterung des schulischen Aktivitätsraumes muss systematisch geschehen. Die Verbindung zur «Welt» muss Teil einer Kultur sein, einer Haltung – und muss in den Lernarrangements einen festen und wichtigen Platz einnehmen (z.B. Service Learning).

Locations have emotions

Der Raum, in dem wir uns aufhalten bestimmt aber nicht nur unser Verhalten, sondern auch unser Wohlbefinden. Schulräume folgen daher nicht nur einer bestimmten Funktionalität. Es kommt ihnen auch eine ästhetische und atmosphärische Bedeutung zu. Sie stehen im Dienste der Inspiration. Räume sind nicht einfach Wände, Böden, Fenster, Möbel. Die «weichen Faktoren» spielen eine wesentliche Rolle: Bilder, Farben, Gerüche, Hintergrundmusik, Pflanzen… Und wichtig: Man sieht den Räumen an, ob sich Menschen um sie kümmern, ob sie gepflegt und nicht einfach der Beliebigkeit und Willkür überlassen werden. Sie bringen eine bestimmte Form der Wertschätzung zum Ausdruck. Oder eben nicht. Die halb verdorrte Pflanze, das vergilbte Plakat, die Unordnung auf dem Regal – das sind Botschaften. Das alleinige Vorhandensein reicht nicht aus, was zählt, ist ein bewusster Umgang mit den Dingen, die den Raum bewohnen. Sie sind Ausdruck des Grades an Wertschätzung, die der Umgebung und den Menschen darin entgegengebracht wird.

Lehrpersonen übernehmen damit auch die Rolle von «Atmosphären-Didaktikern» und tragen mit dem Erscheinungsbild der Räume und der Schule zu einer Willkommenskultur bei. Vorbild statt Vorschrift heisst die Devise.

Störungsfreies Arbeiten zählt zu jenen Faktoren, die in hochrelevanter Weise wirksam sind hinsichtlich des individuellen Lernerfolgs. Alle Beteiligten – Lehrer- wie Schülerschaft – stehen hierzu in der Verantwortung und tragen ihren Teil dazu bei. Nicht vorhandene Möbel, veraltete Infrastruktur und fehlende Quadratmeter dienen allzu oft als bequeme Ausrede. «Jaaa, wir würden ja schon, aber…».

Wer will, findet Möglichkeiten, wer nicht will, findet Gründe.

So wie für kleine Wohnungen oder das kleine Portmonee funktionale Lösungen gefunden werden müssen, um optimale Wohnbedingungen zu schaffen, so gilt dies gleichermassen für Schulräume: Mobile Möbel und Trennwände, Raumteiler, Teppiche, Podeste, Bodenkissen, Vorhänge, Farbgestaltung… multifunktional gedacht und zweckmässig angeordnet bieten sie auch unter ungünstigen Bedingungen und oft auch ohne zusätzlichen finanziellen Aufwand ausreichend Möglichkeiten für verschiedene Arbeitszonen und Aufenthaltsbereiche.

Vom Raum zum Handlungsspielraum

Lernen braucht Bewegung und Bewegungsfreiheit. Damit ist nicht der Schulsport gemeint. Die Lernräume müssen durch ihre funktionale Organisation und zweckmässige Gestaltung zu Bewegung einladen: verschiedene Tätigkeiten finden an verschiedenen Orten statt. Das heisst: Wer sich mit dieser Arbeit in dieser Form beschäftigt, macht es sinnvollerweise hier. Etwas Anderes in anderer Form passiert sinnvollerweise dort. Möglichkeiten bieten sich viele: Computer auf Stehtischen, offene Bodenflächen, wo sich auf dem Bauch liegend arbeiten lässt, Sitzecken zum Lesen, Stehtische für Besprechungen, Halbkreise für Plenumsdiskussionen, Regale für Nachschlagewerke und Materialien, Tische für Schneid- und Klebearbeiten…

Bei personalisierten Lernkonzepten wird die Raumorganisation soweit als möglich aus der Perspektive des einzelnen Schülers betrachtet. Auch wenn die Schülerschaft ihrerseits natürlich auch eine Anpassungsleistung erbringen muss, so ist es raumorganisatorisch essentiell, den Bedürfnissen der Lernenden angemessen Rechnung tragen zu können: Der eine braucht eine ruhige Ecke, um bei der Sache sein zu können, der andere ist gut aufgehoben in unmittelbarer Nähe eines Lehrerarbeitsplatzes, bei einem dritten spielt die Raumorganisation weniger eine Rolle, dafür braucht er häufiger die Möglichkeit zur Kooperation.

Eine schulische Umgebung, in welcher personalisiertes Lernen stattfinden kann, ermöglicht es den Lernenden auch, sich ihres eigenen Lernverhaltens, ihrer Bedürfnisse und ihrer individuellen Handlungsspielräume bewusst zu werden.

 


Hoffmann, Petra: Der Klassenraum als dritter Pädagoge. Gestaltung und Einfluss des Klassenzimmers auf Schüler und Lehrer. Diplomica Verlag. Hamburg. 2015

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Die Schule schwänzt das Leben Und niemand sitzt nach. hep Verlag. Bern. 2013

Müller, Andreas: Eigentlich wäre Lernen geil. Wie Schule (auch) sein kann: alles ausser gewöhnlich. hep Verlag. Bern. 2006

Müller, Andreas/Noirjean, Roland: Lernen – und wie?! Gebrauchsanweisungen für den Lernerfolg. hep Verlag. Bern. 2004

Schönig, Wolfgang/Schmidtleid-Mauderer Christina: Gestalten des Schulraums. Neue Kulturen des Lernens und Lebens. hep Verlag. Bern. 2013

Watschinger, Josef/Kühebacher, Josef (Hrsg.): Schularchitektur und neue Lernkultur. hep Verlag. Bern. 2007

Lernumgebungen, Lern- und Bewegungsräume. Gerold Brägger/Norbert Posse. I-QES online. 2007

Aspekte lernfördernder Klassenraumgestaltung. Examensarbeit von Axel Menikheim. Lehrstuhl für Schulpädagogik Universität Augsburg. 2000

Ratgeber zur Gestaltung von Klassenräumen. Ewa D. Ostaszeweska. Goethe-Institut Warschau. 2016

 

Updated on 15. Mai 2018

Weitere Artikel