Kohärenzfaktoren

Damit Menschen sich bei ihrer Arbeit wohl fühlen, brauchen sie das zuversichtliche Gefühl, dass ihre Arbeit für ihr eigenes Leben sinnvoll ist («Kann ich mich damit identifizieren?») und verstehbar ist («Kann ich es einordnen?») und die Anforderungen zu bewältigen sind («Kann ich das Erforderliche leisten?»). Diese Faktoren versetzen sie in die Lage, bei Auftreten von Belastungssituationen die entsprechenden Widerstandsressourcen zu aktivieren. Auch der schulische Alltag ist geprägt von diesen Fragen, umso mehr, als dass die Lehrperson es in ihrer Arbeit mit verschiedenen Settings, Konstellationen und Rollen zu tun hat, die nicht nur veränderlich, sondern auch komplex sein können.

Kohärenzgefühl

Die Kohärenzfaktoren sind begrifflich angelehnt an das, was Aaron Antonovsky als «Sense of Coherence» (SOC) bezeichnet hat. Er stellte diese Selbstwahrnehmung ins Zentrum seiner Antwort auf die Frage, wie Gesundheit entstehe. «Das Kohärenzgefühl ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmass eine Person ein durchdringendes, dynamisches Gefühl des Vertrauens darauf hat, dass

… die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äusseren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind

… die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen zu begegnen, die diese Stimuli stellen;

… diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen.» (Antonovski 1997)

Dementsprechend wird das Kohärenzgefühl nach Antonovsky von drei Komponenten gebildet, jeweils als (subjektive) Empfindungen: erstens der Verstehbarkeit, zweitens der Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit, drittens dem Gefühl von Bedeutsamkeit bzw. Sinnhaftigkeit.

Übertragen auf den schulischen Kontext stellen sich ähnliche Fragen im Hinblick auf eine «gesunde» Gestaltung pädagogischen Arbeitens. Lehrer und LernCoaches sind permanent mit sich dynamisch verändernden, komplexen Situationen konfrontiert. Diese Konstellationen lassen sich nur bedingt proaktiv beeinflussen. Vieles im Verhalten der Schüler (aber auch von Kollegen oder Eltern) ist unvorhersehbar, abhängig von situativen Stimuli – vom kranken Kanarienvogel, vom Wetter, dem Zoff mit der Mutter, vom Mitschüler, der einem immer das Material klaut, von der Mondphase etc. etc. Und nicht selten wohnt solchen Situationen und Verhaltensweisen das Potenzial inne, sich als Lehrer überfordert zu fühlen. Die beruhigende Nachricht: Das ist normal.

Verstehbarkeit [comprehensibility]

Allein schon die kecke Behauptung der Schüler «wir dürfen das!» oder «bei Frau Meier machen wir das immer so!» kann verunsichern. Die Liste lässt sich beliebig erweitern. Und nicht immer sind die Situationen so harmlos. Immer geht es aber darum, mit ihnen professionell und souverän umzugehen. Dazu gehört beispielsweise: Verhaltensweisen verstehen und einordnen zu können. Dem Informiertsein sind freilich Grenzen gesetzt. Man kann wirklich nicht alles wissen – auch nicht unbedingt, ob die Schüler bei Frau Meier das immer so machen. Mindestens so wichtig ist es deshalb, mit Nichtwissen umgehen zu wissen, über souveräne Strategien zu verfügen, wenn Informationen fehlen. «Das weiss ich jetzt nicht, ob ihr das dürft. Aber ich habe keinen Grund anzunehmen, dass ihr nicht ehrlich seid. Mich interessiert aber – auch für ein nächstes Mal – wie das geregelt ist. Ich werde mich deshalb erkundigen und mich heute noch schnell bei euch melden. Und jetzt viel Spass.» Klar natürlich, dass «heute bei euch melden» eine Verbindlichkeit darstellt, damit ein Haken hinter die Situationen gesetzt werden kann. Erledigt! Wenn nicht, wenn Frau Meier nichts von einer Erlaubnis wissen will, wenn sich plötzlich Fragen auftun – dann ist das ein Anlass, sie zu klären. Und dann beginnt die Pädagogik so richtig.

Verstehbarkeit geht weit über situationsadäquates Wissen hinaus.

Denn nicht selten braucht es eine andere Flughöhe, um eigenes Verhalten oder jenes von Schülern (oder Kollegen oder Eltern) einordnen zu können. Von Kurt Lewin stammt die Erkenntnis, dass es nichts Praktischeres gibt als eine gute Theorie. Und in der Tat: Der Blick hinter die Verhaltenskulissen, die Einsicht in das, was dahinterstecken könnte, wenn Schüler so oder anders reagieren, macht pädagogisches Handeln einfacher. (Ehrnsberger/Hille 2017) Oder zumindest reflektierter.

Machbarkeit [manageability]

Wissen nützt allerdings nichts, wenn man sich nicht zu helfen weiss. Wer situationsadäquat handeln will, muss Ressourcen nutzen können – personelle, zeitliche, materielle, eigene und/oder externe. Fehlt es subjektiv oder objektiv an Voraussetzungen, etwa an methodischem Repertoire, dann mündet schnell einmal in einer überfordernden oder zumindest unbefriedigenden Situation. Und die wiederum verbindet sich mit der Aufforderung, sich um diese Ressourcen zu bemühen. Das kann beispielsweise Zeit sein, die man sich gibt.

Zeit ist häufig ein guter pädagogischer Freund und Ratgeber.

Es kann auch das Eingeständnis sein, im Moment keinen Hasen aus dem Hut zaubern zu können. Das lässt sich verbinden mit der Ansage, was man jetzt unternehmen werde. «Wir wissen beide, dass das nicht geht. Aber ich will mir dazu noch ein paar Gedanken machen. Ich werde mich deshalb mit dem einen oder anderen Kollegen besprechen. Und vielleicht hast du auch noch einen Vorschlag. Ich werde dich morgen auf mögliche Lösungen ansprechen und mit dir klären, was nun zu geschehen hat.» Das gibt Raum für Handlungsoptionen – für sich und für andere. Zum Beispiel eben: Rat holen, sich austauschen, mögliche Vorgehensweisen erörtern. Und es hat einen verstärkenden Nebeneffekt: Unpassendes Verhalten ist nicht einfach eine Angelegenheit des Lehrers als Einzelperson. Es wird deprivatisiert. Es wird zur Angelegenheit des Lehrers als Teil eines Kollegiums und als Vertreter einer Institution. Und zwar nicht larmoyant beim Pausenkaffee, sondern lösungsorientiert im Zeichen der Professionalität. Und abgesehen davon: Eines der grundlegenden psychologischen Bedürfnisse der Menschen heisst: soziale Eingebundenheit. Lehrer sind auch Menschen. Deshalb gilt das für sie nicht minder. Auftragskohäsion heisst ein Stichwort dazu.

Sinnhaftigkeit [meaningfulness]

Was dagegen keine Option ist, ist Nichtstun. Und Wegschauen ist auch keine. Beides – Wegschauen, Nichtstun – ist allerdings nicht bloss eine Frage von Fähigkeiten und Bedingungen. Es ist auch und vor allem eine Frage von Haltungen und Einstellungen. Das führt auf direktem Wege zur Frage nach der Bereitschaft – der Bereitschaft, sich um Klärung zu bemühen, sich dafür einzusetzen, Lösungen zu finden, Sinn darin zu sehen, die letzten zwei Meter auch noch zugehen, Verantwortung zu übernehmen und entsprechend Position zu beziehen. Sinn ist aber nicht etwas, das einfach passiv vorhanden ist, das den Dingen oder Situationen quasi innewohnt. Was für den einen Menschen sinnvoll erscheint, lässt einen anderen den Kopf schütteln, und ein dritter wendet sich entsetzt ab. Sinn ist mithin etwas, was man den Dingen oder Situationen entnimmt oder ihnen verleiht. Es ist gewissermassen ein aktiver Prozess, ein hochgradig subjektiver dazu. Und gerade auf diesem Feld ist es von erheblicher Relevanz, private Ansichten strikte zu trennen von professionellen Haltungen. Man kann sich privat ohne Weiteres beleidigt fühlen von Äusserungen oder sich drücken vor unangenehmen Aufgaben. Das interessiert allenfalls die Menschen, mit denen man zusammenlebt. In der Arbeit mit Schülern ist das höchst problematisch.

Unangemessenes Verhalten eines Schülers hat nichts mit der Privatperson des Lehrers zu tun.

Es bezieht sich auf seine berufliche Rolle als Lehrer und auf die Art und Weise, wie er diese Rolle interpretiert, beziehungsweise, was der Schüler davon wahrnimmt. Das heisst: Unangemessenes Schülerverhalten ist ganz nüchtern gesehen eine professionelle Aufgabe wie Aufsätze korrigieren oder Prüfungen bewerten.

Nun, kein Mensch beschäftigt sich gerne mit Dingen, die ihm sinnlos erscheinen. Und schon gar nicht, wenn es überdies noch unangenehm zu werden droht. Ein souveränes professionelles Verhalten zeichnet sich dadurch aus, solche und ähnliche Situationen als Aufgabe zu betrachten und Lösungen finden zu wollen. Letztlich ist es damit eine Frage der Einstellung – wie so vieles in diesem Beruf.

Ungemütliche, störende, belastende Situationen kleinerer oder grösserer Art zu meistern, das gehört zum schulischen Alltagsgeschäft. Es professionell und souverän zu tun, dafür reicht das pädagogische Einmaleins hinten und vorne nicht. Störungen und Widerstände zählen zu den hauptsächlichen Belastungsfaktoren im Lehrerberuf – und die gespiegelte Inkompetenz im Umgang damit, das macht auf Dauer krank oder zynisch. Oder beides. Eine individuelle und kooperative Entwicklung der Kohärenzfaktoren versetzt Lehrer und Teams in die Lage, Identifikation zu stiften und mit Widerständen konstruktiv umzugehen. Damit tun sie Entscheidendes für ihre Gesundheit, für die Freude am Beruf – und für den Erfolg der Schüler.


Antonovsky, Aaron: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. dgvt. Tübingen. 1997

Ehrnsberger, Jörg/Hille, Katrin: Ein Blick in die Schule – und zwei dahinter. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Können die wo fertig sind früher gehen? Wer über Lernen nachdenkt, muss über Aufgaben nachdenken. Und umgekehrt. hep Verlag. Bern. 2015

Müller, Andreas: Schule kann auch anders sein. Personalisiertes Lernen: Das Modell Beatenberg. hep Verlag. Bern. 2014

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: Vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2. Auflage 2013

Müller, Andreas: Die Schule schwänzt das Lernen. Und niemand sitzt nach. hep Verlag. Bern. 2013

 

 

 

 

 

Updated on 15. Mai 2018

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