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Körperliche Fitness

Bewegung macht schlau. Denn Bewegung hilft dem Gehirn beim Denken. Wer sich gesund und fit fühlt, tritt entsprechend in die Welt, geht unverkrampfter und zuversichtlicher an Herausforderungen heran. Das ist gut – auch in der Schule. Denn schulisches Lernen verlangt etwas ab und ist mitunter kräftezehrend. Hier braucht es die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich anzustrengen, beharrlich zu sein, durchzuhalten, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Das gelingt dann besser, wenn man ein gutes Gefühl hat sich selbst gegenüber. Die körperliche Befindlichkeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Deshalb: Wer sich bewegt, tut sich einen Gefallen Und seinem Lernen auch. Ein bewegungsaktiver Alltag verhilft zu guten Gewohnheiten und zu einer selbstförderlichen Lebenseinstellung. Dazu gehört auch, zu sich selber Sorge zu tragen. Wer sich körperlich herausfordert, wird zudem merken, dass die Leistungsgrenzen jenseits dessen liegen, was man üblicherweise zu schaffen glaubt. Denn schonen schadet. Müde zu sein, weil man sich angestrengt hat, ist ein gutes Gefühl.

Schonen schadet

Immer wieder werden alarmierende Daten veröffentlicht: Der Anteil der übergewichtigen Kinder nimmt rapide zu. Das wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus – körperlich und seelisch. Die Gründe sind schnell einmal aufgezählt: zu wenig Bewegung, einseitige Ernährung, intensive Mediennutzung – und die Kombination von alledem.

Kinder und Jugendlich weisen vielfältige motorische Defizite auf. Kein Wunder: Für den Schulweg steht das Taxi Mama bereit oder man steigt in den Bus. Und warum nehmen die Teenager nicht das Fahrrad? Weil sie das Handy während dieser Zeit nicht benützen könnten. Und weil es unbequem ist.

Die saturierte Gesellschaft weist den Jugendlichen den Weg in die Bequemlichkeitsfalle. Und da wieder rauszukommen, das ist nicht einfach. Unbequem halt. Vom Sofa in den Bus oder ins Auto und in die Sitzschule – der Hintern ist der wichtigste Körperteil. Beispiel gefällig? Gerademal vier Prozent des Tages bewegen sich fünfzehnjährige Gymnasiasten. Oder andersrum: 96 Prozent der Zeit werden auf Bauch, Rücken oder Hintern verbracht.

Der Zusammenhang zwischen körperlicher und geistiger Vitalität ist längst unbestritten. Nur schon Übungen, bei denen es auf Bewegung, Koordination und bewusste Körperhaltung ankommt, führen bereits nach kurzer Zeit zu einer um fünfzig Prozent verbesserten Leistung des Arbeitsgedächtnisses.

Und auch wildes Herumtoben in frischer Luft zeigt hochgradig positive Auswirkungen. Auf Bäume klettern oder allein durch die Natur streifen, das erlauben viele Eltern ihren Kindern nicht oder nur ungern. Dabei sind es gerade die «wilden» Spiele, von denen der Nachwuchs am Ende profitiert. Forscher der University of British Columbia haben die Daten von etwa 50’000 Teilnehmern ausgewertet. Dabei sind sie zur Erkenntnis gelangt, dass risikoreiches Herumtoben letztlich gesundheitsförderlich ist. So wiesen Kinder, die die Gelegenheit hatten, in der Natur auch mal verschwinden oder sich verlaufen zu können, ein deutlich höheres Bewegungsniveau auf als jene, die mehrheitlich unter Aufsicht standen. Das Raufen mit anderen war nicht mit stärkerer Aggressivität verbunden, sondern im Gegenteil mit ausgeprägteren sozialen Kompetenzen. Und das Spiel mit als riskant eingestuften – etwa besonders hohen – Geräten führte nicht zu häufigeren Verletzungen, aber zu mehr physischer Aktivität, zu längerer Spielzeit, mit positivem Einflüssen auf Kreativität, Resilienz und sozialer Interaktion. (Brussoni 2015)

Also müsste eigentlich die Schule ein vitales Interesse haben an Kindern und Jugendlichen, die sich bewegen. Dabei geht es um weit mehr als um die Frage einer zusätzlichen Sportstunde. Es geht um das Grundkonzept der Schule als Ort des sich Hinsetzens, des Zuhörens und des Wartens auf das Läuten. Es geht um einen Wandel hin zu einer Schule mit offenen Arbeitskonzepten und integrierter Bewegung, die nicht künstlich erzeugt werden muss. Und es geht um eine Schule, die sich bewusst ist, dass Laufen schlauer macht als Sitzen.

Viele Menschen verbringen ihre Zeit körperlich dermassen inaktiv, dass kaum mehr der Bewegungsmelder reagiert. Die Suche nach dem leichten und bequemen Leben ist ein Merkmal der gesellschaftlichen «Entwicklung». Die entsprechenden Angebote haben denn auch Hochkonjunktur. Es bilden sich Schlangen vor der Rolltreppe, dieweil die Treppe leer ist. Und selbst für den Weg ins nächste Stockwerk wartet man lieber auf den Lift. Man könnte meinen, die Gesellschaft spiele Mikado: Wer sich bewegt, der hat verloren.

Die Jugendlichen stehen in dieser Beziehung den Erwachsenen in nichts nach. Im Gegenteil: Eigentlich ist es gut, dass die Kinder digital dermassen aufgerüstet sind. Denn: Wenn sie das Handy aus der Tasche nehmen, vollbringen sie immerhin eine Bewegung.

Das Schulsystem kann sich ja normalerweise nicht rühmen, körperliche Aktivitäten zu fördern. Die Kurzaufenthalte in der Turnhalle bringen die Schüler nicht nachhaltig auf die Beine. Eine Folge: Nur etwa zehn Prozent der Jugendlichen erreichen den Bewegungsumsatz, den sie eigentlich für ein gesundes Leben bräuchten. Oder anders gesagt: Neun von zehn Jugendlichen bewegen sich deutlich zu wenig. Das hat vor allem damit zu tun, dass im Alltag die Bequemlichkeit den Takt angibt – und dann auch die Konfektionsgrössen bestimmt. Sogar der Schulweg lässt sich heutzutage quasi bewegungsneutral bewältigen. Deshalb haben neuerdings mehrere Schulen in Nordrhein-Westfalen sogenannte Elternhaltestellen eingerichtet. Noch einmal: Elternhaltestellen! Die treubesorgten Mütter und Väter können ihre Sprösslinge zwar nicht direkt ins Klassenzimmer karren. Aber immerhin: Sie können sie direkt vor dem Eingang ausladen.

Dabei: Die Daten zum gesellschaftlichen Bewegungsverhalten sind erschreckend. Sitzen und Liegen dominieren den Alltag. Das zeitigt jede Menge gesundheitlicher Folgen und verursacht gigantische volkswirtschaftliche Kosten. Tendenz steigend.

Zwar boomen die Fitnesscenter und die Sportvereine finden durchaus ein jugendliches Publikum. Aber es erweist sich als Irrweg, sich durchs Leben zu fläzen, um ab und an das sportliche Outfit auszulüften. Sogar wer wöchentlich zwei, drei Mal ein Training besucht, schafft es nicht, die gesellschaftsübliche Bewegungsarmut zu kompensieren.

Entscheidend ist vielmehr, die alltäglichen Situationen in Bewegungssituationen umwandeln: weniger liegen – mehr sitzen, weniger sitzen – mehr stehen, weniger stehen – mehr gehen. Das gilt auch und gerade für die Schule. Zumal die Zusammenhänge zwischen geistiger und körperlicher Aktivität spätestens seit Juvenal (und damit seit zweitausend Jahren) kein Geheimnis mehr sind.

Schulische Konzepte, die solche Gedanken aufnehmen, lassen sich in der Regel von ganzheitlicheren Bildungszielen leiten. Sie wollen, dass die Heranwachsenden in einem umfassenden Sinne fit sind fürs Leben. Das setzt das Bewusstsein voraus, dass Lernen nicht die Reaktion ist auf Lehren, dass nachhaltiges schulisches Lernen gebunden ist an die Aktivitäten des einzelnen Lernenden. Denn: Lernen ist ein Verb. Und ein Handwerk. Das gedeiht besser in offenen Lernformen mit vielfältigen Bewegungen, die sich aus dem Arbeit heraus ergeben. Dazu gehören handlungsorientierte Arrangements, Verarbeitungstiefe, Peer-tutoring und all das, von dem Johann Wolfgang Goethe sagt, es sei das Synonym für Erfolg: TUN. Doch: Erfolg hat einen natürlichen Feind – zu viel Nachsicht sich selbst gegenüber. Wer tätig ist, bewegt sich, bewegt seinen Geist, bewegt seinen Körper – und nicht nur die Pupillen vor dem Bildschirm.

Wenn Muskeln weinen, lacht das Hirn

Menschen waren «Bewegungstiere». Deshalb sind sie so gebaut, wie sie es eben sind. Überleben hiess: Bewegung – jagen, arbeiten und schneller rennen als der Säbelzahntiger. Das war einmal. Die Menschen sind zu «Sitztieren» verkommen. Mehr als die Hälfte ihrer Zeit verbringen Erwachsene heutzutage auf dem Hintern. Im Durchschnitt. Der gesellschaftliche Wandel hat die Menschen buchstäblich von den Beinen geholt. Und jetzt sind sie – auch buchstäblich – am Arsch. Denn die sitzende Lebensweise bringt den Körper arg in die Bredouille. Er ist nicht konstruiert für dauerguckende Dauersitzer.

Bewegung ergibt sich nicht mehr aus dem Leben heraus. Bewegung muss man künstlich erzeugen. Man muss sich bewegen, um sich zu bewegen. Oder anders gesagt: Das Leben offeriert die Bequemlichkeit. Um es unbequem haben zu können, muss man sich anstrengen.

Und das in einer Überflussgesellschaft, die dazu animiert, es sich gut gehen zu lassen. Doch: «Es sich gut gehen lassen» ist meist und auf Dauer das Gegenteil von «gut». Denn es verbindet sich in aller Regel mit Konsum und Bequemlichkeit – und einem grosszügigen Negieren der mahnenden inneren Stimmen.

Doch wer sich selbst gegenüber zu viel Nachsicht übt, macht sich das Leben schwer – wiederum im wahrsten Sinne des Wortes. Der Blick in die Gesellschaft macht augenfällig: Die Kleidergrössen nehmen in dem Ausmass zu, wie die körperliche Fitness abnimmt. Die Menschen erlahmen und mit ihnen ihr Stoffwechsel. Entsprechend steigen die Krankheitsrisiken.

Sitzen ist das neue Rauchen. Die fehlende Bewegung gefährdet die Gesundheit. Im Gegensatz zu den Zigarettenpckungen sind die Sitzflächen der Stühle noch nicht mit warnenden Aufklebern versehen worden. Und im Gegensatz zum Rauchen schützt man die Heranwachsenden nicht vor übermässigem Sitzen. Im Gegenteil. Heutige Kinder spielen lieber drin bei den Steckdosen. Und man lässt sie. Oder fördert es sogar. Nicht von ungefähr spricht man von «Shut-up-Toys» – gucken, sitzen, Klappe halten. Das ist bequem. Für alle. Das Doofe daran: Es führt zu Entzugserscheinungen – beim Entzug von Bequemlichkeit.

Physisches Wohlbefinden ist nicht gleichzusetzen mit sportlicher Entbehrung oder schweisstreibender Höchstleistung. Das darf zwar durchaus auch sein. Indes: Die Devise «schonen schadet» bezieht sich nicht auf die Extreme. Viel wichtiger ist Regelmässigkeit. Viele kleine Bewegungen – mindestens eine Stunde pro Tag sagt die WHO – bringen mehr als der ein Waldlauf pro Woche. James A. Levine, Professor an der Mayo-Klinik in Arizona, fasst seine Forschungen unter dem Begriff «NEAT» zusammen – Non Exercise Activity Thermogenesis. Und er meint damit eben all die vielen kleinen und grösseren Bewegungen, die sich aus dem Alltag ergeben – wenn man sie nutzt.

Sich immer wieder erheben, stehen statt sitzen, die Treppe nehmen statt den Lift, das macht Gesundheit zu einer Haltung. Es ist eine Haltung, die sich nicht darauf beschränkt, Bewegungsmöglichkeiten aktiv und selbstverständlich zu nutzen. Es ist eine Haltung, eine Charaktereigenschaft, die sich ebenso zeigt im Ess- und Schlafverhalten, die sich zeigt im Umgang mit digitalen Medien und anderen Suchtmitteln, die sich zeigt in schulischen und anderen Herausforderungen. Kurz: Die sich zeigt im Aufbau guter Gewohnheiten. Was wir täglich tun oder lassen ist zu einem wesentlichen Teil von Gewohnheiten gesteuert. Die gleichen guten Gewohnheiten, die uns veranlassen, den Fernseher auszuschalten, das Handy zur Seite zu legen, die Treppe zu nehmen, veranlassen uns auch, nicht gleich mit der erstbesten Lösung zufrieden zu sein, die Aufgabe von einer anderen Seite anzugehen, wenn es nicht auf Anhieb klappen will.

In einer gesunden Schule wohnt ein gesunder Geist. Denn wer sich körperlich fit fühlt, dem fällt es auch leichter, dem Denken Beine zu machen.

Schulisches Lernen ist mitunter anstrengend. Dinge verstehen wollen, das braucht einen vifen Geist. Es braucht die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich anzustrengen, beharrlich zu sein, durchzuhalten, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Und das alles in einer entkrampften, entspannten Manier. Das gelingt dann besser, wenn man ein gutes Gefühl sich selbst gegenüber hat. Dabei spielt der Körper eine wichtige Rolle.

Der Erfolg mag Menschen, die sich anstrengen. Solche Menschen treten entsprechend in die Welt, gehen unverkrampfter und zuversichtlicher an Herausforderungen heran. Das ist gut und tut gut – auch in der Schule.


Brussoni, Mariana et al: What is the relationship between risky outdoor play and health in children? A systematic review. International Journal of Environmental Research and Public Health. 12/2. 2015

Müller, Andreas: Schonen schadet. Wie wir heute unsere Kinder (v)erziehen. hep Verlag. Bern. 2018

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Lernen steckt an. hep Verlag. Bern. 2001

Müller, Andreas: Wenn nicht ich, …? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. hep Verlag. Bern. 2002

Müller, Andreas: Erfolg! Was sonst? Generierendes Lernen macht anschlussfähig. hep Verlag. Bern. 2004

Müller, Andreas: Eigentlich wäre Lernen geil. Wie Schule (auch) sein kann: alles ausser gewöhnlich. hep Verlag. Bern. 2006

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2008

 

Updated on 15. Mai 2018

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