Instabilität

Unsere Lebenswelt ist in steter Veränderung. Alles, was das Leben an Neuem und Unerwartetem bereithält, kann in uns Freude oder Neugier wecken, aber es kann auch verunsichern, entwurzeln, verwirren, Angst machen und Desorientierung hervorrufen – nicht nur, aber gerade bei jungen Menschen. Die Schule hat sich entsprechend als Institution zu verstehen, die sich nicht nur Bildung auf die Fahne geschrieben hat, sondern die den Kindern und Jugendlichen ein Ort ist, an dem sie Stabilität, Orientierung und Verlässlichkeit erfahren. Ein Ort, wo sie gerne hingehen.

Amorphes Wasser

«Alles bewegt sich fort und nichts bleibt», soll Heraklit von Ephesos einmal gesagt haben. Sein Vergleich des menschlichen Daseins mit einem Fluss führte ihn zur Erkenntnis, dass niemand zweimal in denselben Fluss steigen kann. Und in der Tat: Das menschliche Dasein hat sich verändert. Da muss man nicht bis Heraklit zurückblicken.

Die Agrargesellschaft, die von der Jungsteinzeit bis in die frühe Neuzeit hineinreichte, war wirtschaftlich geprägt von Ackerbau und Handwerk. Die Menschen lebten in Gross- und Vielgenerationenfamilien. Die Menschen waren eigentlich sehr sesshaft. Und auch eine soziale Mobilität gab es kaum.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gab dann die Industrie den Takt an. Fliessband und Massenproduktion waren sichtbare Zeichen einer sich radikal verändernden Gesellschaft. Die soziale Mobilität nahm zu. Die Lebensformen veränderten sich. So nahm beispielsweise die Zahl der Grossfamilien immer mehr ab. Eltern blieben mit ihren Kindern vermehrt unter sich, manchmal noch unter dem gleichen Dach oder zumindest in räumlicher Nähe mit den Grosseltern.

Seit ein paar Jahrzehnten beherrscht die Informationstechnologie die Szene. Die meisten Menschen in den modernen Gesellschaften arbeiten in Dienstleistungsbereichen. Die soziale Mobilität hat sich ebenso verstärkt wie das räumliche Nomadentum. Die Welt ist zum Dorf geworden. Das Zusammenleben ist durch «Restfamilien», Patchworkfamilien, Lebensabschnittspartner und Alleinerziehende geprägt. Übersichtlichkeit und Stabilität, das sind nicht gerade die Begriffe, mit denen sich das Leben in der heutigen Zeit treffend beschreiben lässt. Im Gegenteil: Es scheint alles immer weniger kalkulierbar. Was gestern galt, gilt heute nicht mehr.

Wie sagte Heraklit: Panta rhei – alles fliesst. Aber seitdem ist nicht nur viel Wasser geflossen, es sind auch zweieinhalbtausend Jahre ins Land gegangen. Und die heutige Gesellschaft hat entsprechend wenig mit einem ruhig dahinfliessenden Strom als vielmehr mit einem amorphen Wildwasser zu tun. Die wichtigste Fähigkeit, die den Lebenslauf eines Menschen bestimmt, ist es, neue Fähigkeiten zu erwerben, um den stets neuen Anforderungen gewachsen zu sein.

Blickpunkt Schule

Zumindest hierzulande arbeiten heute die meisten Menschen in Berufen, die es bei ihrer Geburt noch gar nicht gab, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Dynamik der Veränderungen ist allgegenwärtig. Um damit konstruktiv umgehen zu können, brauchen (junge) Menschen Boden unter den Füssen.

Die Schule muss ein Ort der Identifikation sein, eine Art Homebase. Ein doppelter Boden.

Dieser Anspruch mutet beinahe utopisch an, ist es heute doch meist anders. In die Schule geht man, um sie möglichst rasch wieder verlassen zu können. Die Glocke ruft zur Flucht – ein paar Minuten nach dem Klingeln ist die Schule wie ausgestorben.

Aber statt ein Fluchtpunkt zu sein, muss die Schule ein Beziehungspunkt werden – ein Ort der Orientierung, der klaren Strukturen, ein Ort der Verlässlichkeit, der Berechenbarkeit, ein Ort der stabilen Beziehungen, kurz: ein Ort, wo man gerne hingeht. Und man geht deshalb gerne hin, weil man spürt, es tut mir gut, dort zu sein.

Vielleicht ist die zunehmend schrille und wirre gesellschaftliche Lebenswelt ein Grund dafür, dass Reisen zu sogenannten Kraftorten voll im Trend sind. Als Kraftort wird ein Ort bezeichnet, dem eine positive psychische Wirkung im Sinne einer Stärkung und einer persönlichen Entwicklung zugeschrieben wird. Mal abgesehen von aller Esoterik – wie wäre es mit dem Bild der Schule als Kraftort? Kraft – Power – Empowerment. Die Schule muss sich als ein Ort des Empowerments verstehen, wo die Menschen Bodenhaftung finden, einen sicheren Stand, so dass sie ihre Stärken zum Tragen bringen und mit aufrechtem Rückgrat durchs Leben gehen können.


Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: Vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2. Auflage 2013

Müller, Andreas: Die Schule schwänzt das Lernen. Und niemand sitzt nach. hep Verlag. Bern. 2013

 

Updated on 22. Mai 2018

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