Emotionale Fitness

Selbstwirksamkeit versteht sich als Überzeugung, Herausforderungen meistern zu können. Dieser Glaube an die eigenen Fähigkeiten beeinflusst, in welche Situationen sich Menschen begeben – ob sie sich den Aufgaben stellen oder ihnen aus dem Weg gehen. Selbstwirksamkeit reguliert auch die Anstrengungsbereitschaft, denn logisch, wer an sich glaubt, geht anders mit Widerständen um als jemand, der denkt: «Das kann ich sowieso nicht.» Selbstwirksamkeit macht also den Unterschied. Sich wirksam zu erleben, beruht dabei auf Erfahrungen, auf Erfolgserlebnissen. Das heisst, der Lernerfolg entwickelt sich in Abhängigkeit zum Gefühl, der Sache gewachsen zu sein. Dies wiederum ist Grundlage einer guten Beziehung zu sich selbst, daraus schöpfen sich Optimismus und Zuversicht. Emotionale Fitness ist deshalb geprägt vom Denken in Lösungen, vom Glauben ans Gelingen. Und: von Humor. Wer emotional fit in die Welt tritt, kann lachen – auch über sich selbst.

Lache über dich selbst – bevor es ein anderer tut

Was haben Optimisten und Pessimisten gemeinsam? Sie haben beide recht. Klar: Die Welt ist so, wie wir sie sehen. Oder besser: Wie wir sie zu sehen glauben. Und Menschen sind so, wie sie zu sein glauben. Was sie können, ist abhängig davon, was sie zu können glauben.

Das Experiment ist in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen: Menschen in drei verschiedenen Gruppen wurden mit einer Arbeit betraut, die ihre Aufmerksamkeit forderte. Während der Arbeit wurden sie von Lärm in ihrer Konzentration gestört. Die erste Gruppe war dem Lärm ausgeliefert. Die Menschen der zweiten Gruppe konnten den Lärm mittels eines Knopfes ausschalten. Auch jene der dritten Gruppe hatten einen Knopf zum Abschalten des Lärms. Aber aus Gründen des Experimentes – so hatte man ihnen gesagt – wäre es besser, den Knopf nicht zu benützen. Es hätte auch nichts genützt: Der Knopf war nämlich blind. Das heisst: Sie haben nur geglaubt, sie hätten Einfluss auf den Lärm. Und was kam bei der Arbeit raus? Jene, die dem Lärm ausgeliefert waren, zeigten deutlich schlechtere Ergebnisse. Aber interessant: Zwischen den zwei anderen Gruppen gab es keine Unterschiede. Das bedeutet: Es kommt darauf an, ob man glaubt, etwas bewirken zu können.

Ob man etwas in Angriff nimmt – oder nicht. Ob man sich anstrengt – oder nicht. Ob man dranbleibt – oder nicht. Der Schlüssel zum Erfolg steckt innen. Und wie weit man bereit ist, quasi aus sich herauszutreten, das hängt entscheidend ab vom Glauben an die eigenen Fähigkeiten.

Das führt zum Schluss: Lern- und Lebenserfolg entwickeln sich in Abhängigkeit zum Gefühl, den Dingen gewachsen zu sein. Selbstwirksamkeit (self-efficacy) nennt Albert Bandura die subjektive Gewissheit (belief), neue oder schwierige Anforderungssituationen aufgrund eigener Kompetenzen bewältigen zu können. Und in der Tat, der zuversichtliche Glaube an die eigenen Fähigkeiten hat weitreichende Folgen. Er beeinflusst, in welche Situation wir uns begeben. Ob wir uns trauen – oder nicht. Ob wir glauben, dass es sich lohnt – oder nicht. Irgendwie logisch: Wer überzeugt ist, «es» zu schaffen, wird auch in höherem Masse bereit sein, den Hintern zu heben, sich zu engagieren, sich anzustrengen. Und: Er wird auch konstruktiver und beharrlicher mit Widerständen und Hindernissen umgehen.

Das vermag ja nun nicht wirklich zu überraschen. Denn spätestens beim Blick auf eigene Lebenssituationen wird klar: Wer unter dem Grauschleier der Mutlosigkeit hervor das Klagelied der Ohnmacht anstimmt «das kann ich ja sowieso nicht», wird mit entsprechend hängenden Mundwinkeln aus sich heraus in die Welt treten. Die negative Erfahrung wird in der Regel nicht ausbleiben – und er wird sich bestätigt fühlen: «Ich hab’s ja gewusst, dass ich’s nicht schaffe.»

Wer dagegen emotional fit ist, geleitet von Zuversicht und Optimismus, begegnet der Welt anders. Nimmt die Welt anders wahr. Und vor allem: Nimmt sich anders wahr. Anders eben, als wer sich machtlos fühlt, ausgeliefert dem Schicksal, der Welt und wem auch immer.

Also, der Auftrag (für die Schule) ist klar: Menschen müssen sich mögen. Und wann mögen sie sich? Wenn sie sich erfreuen an dem, was sie tun. Wenn sie stolz sind auf das, was sie tun. Auf das, was sie leisten. Und geleistet haben. Stolz entsteht im Individuum, ist das Resultat subjektiv positiv bewerteter Leistung und steht in Wechselwirkung mit sozialen Interaktionen.

«Stolz drückt gefühlte Selbstwirksamkeit und gefühlten Selbstwert in Anbetracht demonstrierter Fähigkeiten nach überwundenen Schwierigkeiten aus.» So formuliert es Manfred Spitzer. Und weiter: «Stolz ist ein emotionaler Eckpfeiler, der mehrere grundlegende menschliche Strebungen antreibt.» (Spitzer 2009)

Das heisst: Die emotionale Gewissheit, dem Schicksal auf die Sprünge helfen und den Lauf der Dinge beeinflussen zu können, speist sich aus Erfahrungen. Selbstwirksame Menschen haben sich in vielerlei Situationen kompetent erlebt. Weil sie hingeschaut und weil sie die Rückmeldungen wahrgenommen haben. Das prägt.

Erfolg führt zu Erfolg heisst die Formel. Sie ist gleichsam ein Auftrag. Schulisches Lernen muss als erfolgreich wahrgenommen werden. Es gibt keine Alternative. Der Erfolg, die Erfahrung des «Ich-kann-Es», das Gefühl des Stolzes, das sind Emotionen, die dem Leben und dem Lernen Flügel verleihen. Es ist diese Leichtigkeit, die es einem erlaubt, ein bisschen über den Dingen zu stehen, mit einem Augenzwinkern durchs Leben zu gehen und sich selber nicht immer so verdammt ernst nehmen zu müssen.

Anders gesagt: Enthusiasmus, Freude an sich und an den Dingen, Optimismus – das sind inspirierende und aktivierende Befindlichkeiten. Und sie sind eng verwoben mit Selbstwirksamkeitsüberzeugungen. Die Erkenntnis, die Albert Bandura daraus gezogen hat: Motivation, Emotionen und Handlungen beruhen vor allem auf dem, was man glaubt. Oder wie Marc Aurel es formuliert hat: «Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab».

Lernen ist häufig – wie das Leben halt – widerständig. Nicht alles fällt wie Schuppen von den Haaren. Nicht jede Erkenntnis liegt gleich auf dem Silbertablett bereit. Und nicht von ungefähr sind Lernen und Leistung etymologisch eng verwandt: Auf die Dauer nützt nur Power. Wer aber irgendwo hingeht und denkt, «das kann ich sowieso nicht», wird genau dieses Ergebnis erzielen. Erfolg im Umgang mit Widerständen setzt voraus, überzeugt zu sein von sich und der Fähigkeit, es zu schaffen. Wer häufig die Erfahrung macht (und die damit einhergehenden Gefühle erlebt), den Dingen gewachsen zu sein, tritt anders in die Welt, als wer sich dauernd in der Trottelecke findet. Kompetenzerfahrungen und das Gefühl, etwas bewirken zu können, das aktiviert jene Ressourcen, die Menschen auch dann durchhalten lassen, wenn es schwierig oder langweilig wird. Und das eine oder andere (oder beides) erleben Schüler ja ab und an. Deshalb ist es von erheblicher Bedeutung, immer wieder Leistungsbereitschaft und Begeisterungsfähigkeit aus sich selbst heraus entwickeln zu können. Diese Fähigkeit ist besonders hilfreich in Phasen, in denen es eben schwierig wird oder wenn die Dinge anders laufen als geplant. Wer weiss, dass er es schaffen kann, findet immer wieder die Energie weiter zu machen und ist auch viel souveräner in der Lage, Frust auszuhalten und trotzdem weiterzumachen. Das gilt übrigens nicht nur für die Schüler.

Das heisst: Die Welt ist nicht so, wie sie ist. und Aufgaben sind auch nicht so, wie sie sind. Sie sind so, wie man sie sieht. Und man sieht sie so, wie man sich sieht.

Entscheidend für die Entwicklung eines Menschen ist damit nicht die Schlauheit, nicht das Talent, sondern das Bild, das er von sich hat.

Carol Dweck unterscheidet zwei Arten von Selbstbildern: «fixed mindset» und «growth mindset». Menschen mit «fixed mindset» gehen davon aus, dass ihre (oder anderer Leute) Begabungen, ihre Intelligenz, ihre Möglichkeiten feste und (weitgehend) unveränderliche Persönlichkeitsmerkmale sind. Wer zum Beispiel in der Schule gute Leistungen erbringt, ist halt intelligenter als andere. Menschen mit «growth mindset» dagegen sehen das anders. Sie gehen davon aus, dass man Fähigkeiten entwickeln und verbessern kann. Eine gute schulische Leistung wird in dieser Haltung entsprechend vor allem mit der investierten Arbeit in Verbindung gebracht und weniger mit einer angeborenen «Schlauheit».

Deshalb sollten sich Feedbacks in der Schule vor allem auf Aspekte des «growth mindsets» beziehen, also darauf beispielsweise, dass Kinder und Jugendliche dank beharrlicher Arbeit zum Ziel gekommen sind. Denn Menschen mit «growth mindset» beziehen ihr Selbstwertgefühl aus ihrem Selbstverständnis, dass man etwas leisten muss, um etwas zu erreichen. Sie erleben Niederlagen und Misserfolge nicht als vernichtend, sondern begreifen sie eher als Stationen auf dem Weg ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Da sie ihre Fähigkeiten ohnehin als dynamisch sehen, ist es für sie nicht problematisch, wenn einmal etwas schiefgeht. Damit schaffen sie es häufiger, Misserfolge wegzustecken, konstruktiv mit Rückschlägen umzugehen. Und sie sind deshalb erfolgreicher.


Dweck, Carol S.: Mindset: The New Psychology of Success. Changing The Way You Think To Fulfil Your Potential. Updated Edition. 2009.

Müller, Andreas: Schonen schadet. Wie wir heute unsere Kinder (v)erziehen. hep Verlag. Bern. 2018

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Lernen steckt an. hep Verlag. Bern. 2001

Müller, Andreas: Wenn nicht ich, …? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. hep Verlag. Bern. 2002

Müller, Andreas: Erfolg! Was sonst? Generierendes Lernen macht anschlussfähig. hep Verlag. Bern. 2004

Müller, Andreas: Eigentlich wäre Lernen geil. Wie Schule (auch) sein kann: alles ausser gewöhnlich. hep Verlag. Bern. 2006

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2008

Spitzer, Manfred: Warum sind wir stolz? In: Nervenheilkunde. 4/2009

 

Updated on 15. Mai 2018

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