Diversität

Kinder und Jugendliche waren zwar auch früher unterschiedlich, doch stellt die zunehmende Disparität ihrer Herkünfte die Schule vor fundamentale Herausforderungen. Denn Lernen basiert auf Vorwissen. Wenn die Lernenden nun also unterschiedliches Vorwissen und damit unterschiedliche Voraussetzungen für den Wissenserwerb mitbringen, wie kommt es, dass eine ganze Marschkolonne von Schulkindern am gleichen Tag zur selben Stunde im selben Raum eben jenes Arbeitsblatt mit eben jenen Fragen zu beantworten hat? Es gibt nichts Ungerechteres als die gleiche Behandlung von Ungleichen, deswegen gehört es zur Aufgabe der Schule, das Interesse am Einzelnen zum Ausgangspunkt des – seines individuellen – Lernens zu stellen.  

Das Matthäus-Prinzip

Die Sozialisierungshintergründe von Kindern und Jugendlichen weichen zunehmend voneinander ab. Das beschränkt sich keineswegs auf die offenkundigen kulturellen und ethnischen Unterschiede. Es geht um prägende Lebensgewohnheiten, um ein konkretes Denk- und Handlungsspektrum. Natürlich waren die Kinder und Jugendlichen schon früher unterschiedlich, kamen aus unterschiedlichen Schichten, wurden unterschiedlich erzogen. Aber sie kamen aus ähnlichen Sozialisierungssystemen, ihre Lebenswelten waren überschaubar. Es ging um ähnliche Themen, ähnliche Bedeutungen. Das hat sich durch die gesellschaftlichen Umwälzungen radikal verändert. Wir sind disparat und divergent geworden, fremd, blind und unwissend um die Lebenswelt der anderen. Und ebenso vielfältig wie wir geworden sind, so vielfältig ist die Art und Weise, wie die Menschen ihre Zeit gestalten. Wenn die Menschen, wenn Lernende also viele unterschiedliche Herkünfte haben, so viele unterschiedliche Dinge tun, dann wissen sie auch unterschiedlich viel über unterschiedliche Dinge. Und sie haben sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Kurz: Vorwissen und Vorerfahrungen können kaum unterschiedlicher sein.

«Für die Schule bereit?», fragte sich die Bildungsdirektion des Kantons Zürich und gab eine Lernstandserhebung in Auftrag. Beim Eintritt in die ersten Klassen wurde geklärt, welche Kenntnisse und Fähigkeiten die Kinder bereits mitbringen. Knapp vier Fünftel aller Erstklässler hatten den Mathematik-Lernstoff des Schuljahres teilweise bereits intus. Beim Start! Ein weiteres Fünftes hätte sich bereits am ersten Schultag mit dem Stoff der zweiten Klasse beschäftigen können.

Beim Lesen sah es nicht wesentlich anders aus. Nur etwa fünf Prozent der Kinder kennen beim Schuleintritt noch keine Buchstaben. Etwa ein Drittel steigt mit gewissen Vorkenntnissen ein, ein weiteres Drittel verfügt bereits über einen Teil der Kenntnisse der ersten Klasse. Und wiederum fast ein Drittel könnte das Schuljahr überspringen und gleich mit den Zweitklässlern arbeiten (Moser/Stamm/Hollenweger 2005). Die Kinder bringen also schon beim Eintritt in die Schule in allen Bereichen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit. Sie passen damit weder in einen Lehrplan noch in eine Jahrgangsklasse. Und das hat fundamentale Konsequenzen. Denn: Lernen ist – vereinfacht ausgedrückt – eigentlich nichts anderes, als etwas Neues gedanklich mit etwas zu verbinden, was schon da ist. Wenn nichts «da» ist, also kein Ankerpunkt, keine neuronale Andockstelle, dann wird das «Neue» im Prinzip einfach durchgewunken.

Das Vorwissen ist für den Wissenserwerb entscheidend.

Wer «Hobart» hört oder liest und keine Ahnung hat, dass es eine Insel namens Tasmanien gibt und dass diese Insel südlich von Australien liegt, wird auch nicht darauf kommen können, dass es sich bei «Hobart» um die Hauptstadt eben dieser Insel handelt. Wer aber schon einmal über Tasmanien in einem Buch gelesen hat oder wer einen Dokumentarfilm über die Flora und Fauna der Insel gesehen hat oder wer sogar schon einmal eine Reise nach Down Under mit Abstechern nach Tasmanien unternommen hat, der wird bei «Hobart» ganz andere Gedanken und Gefühle haben. Was auch immer schon in uns ist, sie lösen Assoziationen aus – Dinge, also Sinneseindrücke, Gedanken, Erinnerungen, Erfahrungen, werden bewusst oder unbewusst miteinander in Beziehung gesetzt. In der gedanklichen Welt des Lernens spielen Assoziationen, Verbinden und Vernetzen eine zentrale Rolle. Lernen ist gleichsam ein Spinnen, ein Weben, ein Knüpfen von Zusammenhängen. Je unterschiedlicher nun die Menschen, desto unterschiedlicher ihr Vorwissen und ihre Vorerfahrungen. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Denn: Vorwissen und Vorerfahrungen gehören mit zu den wichtigsten Faktoren, wenn es um erfolgreiches Lernen geht. Matthäus-Prinzip wird das auch genannt: «Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird in Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen.» (Matthäus 25,29) Das heisst: Unterschiede akkumulieren Unterschiede akkumulieren Unterschiede akkumulieren Unterschiede …

Blickpunkt Schule

Wer also will, dass Lernende ihre Arbeit in der Schule erfolgreich gestalten können, muss das Prinzip der geschlossenen Marschkolonne auflösen. Denn es gibt nichts Ungerechteres als die gleiche Behandlung von Ungleichen. Ausgangspunkt ist das Interesse am Einzelnen, das aktive Interesse am Lernenden als Individuum.

Vielfalt ist nur dort ein Problem, wo Einfalt herrscht.

→ Der Lernende befindet sich in einer bestimmten Situation, er kommt physisch und mental irgendwo her. Er bringt Kenntnisse, Erfahrungen und mentale Modelle mit.

→ Der Lernende trägt – bewusst oder unbewusst, explizit oder implizit – irgendwelche Absichten, Ziele, Intentionen, Bedürfnisse mit. Er will etwas oder hat das Gefühl, etwas wollen zu müssen. Er sieht sich mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert.

→ Bekanntlich führen verschiedene Wege nach Rom (oder zum Ziel). Welche Möglichkeiten bieten sich, den Zielen und Erwartungen gerecht zu werden? Der Lernende muss erkennen, welche Wege sich auftun. Er muss erkennen, welche Lösungsansätze sich ergeben. Und er muss abzuschätzen in der Lage sein, was die jeweiligen Folgen sein könnten.

→ Damit aus einer Absicht eine Handlung wird, braucht es eine gewisse Erfolgswahrscheinlichkeit. Damit stellt sich für den Lernenden (und die Lehrperson) die Frage nach den Gelingensbedingungen. Was braucht es, damit das Vorhaben zum Erfolg führt? Welche Ressourcen sind erforderlich? Welche Unterstützung? Der konstruktive Umgang mit Vielfalt versetzt die Schule in die Pflicht, wegzukommen von kollektiven Verbindlichkeiten (alle tun dasselbe in gleicher Weise) hin zu individuellen Verbindlichkeiten.


Jundt, Werner: Heterogenität – Modebegriff oder Kernaufgabe? In: profil 03/2005

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: Vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2. Auflage 2013

Müller, Andreas: Die Schule schwänzt das Lernen. Und niemand sitzt nach. hep Verlag. Bern. 2013

Müller, Andreas (2008): Die Vielfalt als Chance nutzen. Artikel über Diversity Management in der Schule.

idm. Internationale Gesellschaft für Diversity Management.

 

 

Updated on 21. Mai 2018

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