Disponibilität

Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Konsum dient uns zum Zeitvertreib wider die Langeweile, an Angeboten fehlt es uns nicht. Wir können es uns leisten, wir haben Geld, wir haben Zeit, und die Verfügbarkeit der Dinge macht es uns einfach, einfach zuzugreifen. Und wieder wegzuwerfen. Uns dem nächsten zuzuwenden. Weil wir können. Doch dass wir können wird oftmals verwechselt mit «ein Anrecht darauf haben». Wir pochen auf unser Recht, ohne uns selbst in die Verantwortung zu nehmen. Wir konsumieren, ohne dabei noch einen Bezug zu den Dingen zu haben. Wir nehmen, ohne zu geben. Es gehört daher zur unbedingten Plicht der Schule, dass sich die Lernenden in ihrer Verantwortung üben können, dass sie das Verursacherprinzip verstehen lernen und auch auf ihr eigenes Handeln anwenden können. Denn die Erfahrung, das eigene Lernen beeinflussen zu können, erhöht die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg.

Supermarkt des Lebens

Meike lebt in einer Wohngemeinschaft – in einer fiktiven. Drehbuchautoren haben für die Leute von heute über die Jugend von heute (so wie sie sie sich vorstellen) eine Reality-Soap geschrieben. Und die «Welt» hat reingeschaut und bilanziert: «Meikes Horizont reicht bis zum nächsten Nagelstudio. Ihr Wortschatz besticht durch den redundanten Gebrauch der Vokabel ‚Ey‘. Meike kann nicht zeichnen, träumt aber von einem Praktikum in einem Tattoo-Studio. Es könnte der Beginn einer wunderbaren Karriere werden. In der neuen Fernseh-WG befindet sich Meike in bester Gesellschaft. Es ist ein eigener Kosmos, der von spätadoleszenten Checkern und Chicks bevölkert wird. Als Barkeeper, Promoter oder Fitnesstrainer können sie es sich leisten, so herumzulaufen, wie sich RTL-Drehbuchautoren die Jugend von heute vorstellen. ADHS-geplagt, hormongesteuert und exhibitionistisch veranlagt. Gemeinsam stellen sie sich der grössten Herausforderung, der Berufsanfänger seit dem Zweiten Weltkrieg ausgesetzt waren: Wohin mit der vielen Tagesfreizeit?» (Hildebrandt 2011).

Solche Fernsehwirklichkeiten liegen in der Regel weitab vom Stoff, aus dem das normale Alltagsleben das Drehbuch schreibt. Ein Thema aber hat weniger mit «Soap» und mehr mit «Reality» zu tun: Was machen (junge) Menschen mit ihrer Zeit?

Langeweile

Und in der Tat: Mit seiner freien Zeit sinnvoll umzugehen, das fällt offensichtlich nicht allen Menschen leicht. Denn es braucht ein gewisses Mass an Bereitschaft und Fähigkeit, dem inneren Schweinehund sagen zu können, wo’s langgeht. Wer dazu nicht ausreichend fähig und willens ist, hat ein Problem: zu viel unausgefüllte Zeit. Die Folge: Langeweile. Das ist nun aber ein schlechter Begleiter in einer Welt des ungehinderten Zugangs zu den gepriesenen Lustbarkeiten. Viele Kinder und Jugendliche konsumieren digitale Überdosen – aus Langeweile. Sie konsumieren Drogen und Alkohol – aus Langeweile. Und aus der gleichen Langeweile heraus werden Vandalenakte begangen. Ganz oben auf dem Sorgenbarometer des Schweizerischen Konsumentenforums steht denn auch das Thema «Alkoholmissbrauch und die zunehmende Gewaltbereitschaft der Jugendlichen» (Konsumentenforum 2011). Und in Deutschland wird alle elf Minuten ein Jugendlicher zwischen 15 und 25 wegen Cannabis- oder Alkoholkonsums ins Krankenhaus eingeliefert (news4teacher 2012). Und 2016 kamen bundesweit 22’309 10- bis 20-Jährige völlig betrunken in die Klinik (FAZ 2017).

Die Menschen verfügen heutzutage über zeitlichen Freiraum – eine ätzend lange Weile. Das hat mit veränderten Lebensbedingungen zu tun. Wer ein paar Tage in freier Natur verbringt, merkt sofort, wie viel Zeit es in Anspruch nimmt, für die allernötigsten Dinge zu sorgen. Selbstverständlichkeiten – essen beispielsweise – arten sofort in Arbeit aus: Holz sammeln, Feuerstelle bauen, Feuer entfachen, Wasser holen und abkochen … Auch wenn man den Fisch nicht selber fangen und das Reh nicht selber jagen muss, sondern sie in Filetform mitgenommen hat, es gibt viel zu tun. Und es braucht viel Zeit.

Bis vor ein paar Jahrzehnten beschränkte sich das nicht auf die Wildniswoche oder die Campingferien. Das ganz normale Alltagsleben war mit Arbeit verbunden. Wer es warm haben wollte in der Stube, wer etwas essen und wer das auch noch aus sauberem Geschirr tun wollte, alles gab zu tun. Und die Kinder hatten sich an dieser Arbeit zu beteiligen. Die Menschen waren eingespannt in die Bewältigung des Alltags.

Die fortschreitende Modernisierung der Lebensformen nötigt den Menschen immer weniger Alltagsarbeit ab. Und: Sie gibt ihnen mehr Zeit. Viel mehr Zeit. Die Frage ist: Was machen sie damit? Antwort: konsumieren. Die Gesellschaft hat sich zu einer Konsumgesellschaft entwickelt. Synonyme dafür sind Überflussgesellschaft, Wohlstandsgesellschaft oder auch Wegwerfgesellschaft.

Alles ist vorhanden, nicht nur Zeit. Konsumenten können im Supermarkt aus einem Sortiment von 40‘000 Artikel auswählen. Erdbeeren gibt es im Winter. Skifahren kann man im Sommer in der Halle. Die Illusion der unbeschränkten Verfügbarkeit begegnet einem auf Schritt und Tritt. Gegessen wird nicht mehr am Morgen, am Mittag und am Abend, gegessen wird, wenn man gerade Lust hat – Döner hier, Hamburger da, Sushi dort. Ein Gang durch die Stadt ist ein Gang entlang des internationalen All-you-can-Eat.

Prozesslose Gesellschaft

Vor noch nicht allzu vielen Jahrzehnten war zwar das Leben aufwändiger, nicht nur in Haus und Garten, auch im Handwerk. Aber: Die Dinge hatten dadurch einen erkennbaren Weg. Die Karotten wurden gesät, gepflegt, geerntet, gegessen. Für den Tisch wurde Holz getrocknet, gesägt, verarbeitet, geschliffen. Dabei geht es nicht um einen verklärten Blick in die gute alte Zeit. Die ist erstens noch nicht so alt und war zweitens auch nicht nur gut.

Es geht um etwas anderes: Die Menschen hatten einen Bezug zu den Dingen. In der Kleinräumigkeit der Lebenswelten haben sie mitbekommen, wie die Sachen entstanden sind. Hinter den Dingen stand eine Geschichte, man wusste um ihre Herkunft, um ihre Machart – und damit auch um ihren Wert. Heute weiss man zwar, dass die Milch auf dem Regal im Supermarkt steht. Und dass sie mit dem Lastwagen dorthin gekommen ist. Und dass irgendwo auch mal eine Kuh war. Aber darüber hinaus?

Die technische Modernisierung der Gesellschaft hat dazu geführt, dass die Entstehungsprozesse sich der Wahrnehmung entziehen. Wer denkt beim verpackten Fleisch noch an ein Tier, geschweige denn an Blut und Schlachtung? Wer weiss schon, dass die Tomate auf der Pizza über 2000 Kilometer zurückgelegt hat, weil im Winter bei uns keine gedeihen? Die Gesellschaft ist auf eine Art prozesslos geworden. Produkte entstehen nicht, sie sind einfach da. Massenweise. Und wenn etwas defekt ist, wird es ersetzt. Flicken? Warum sollte ich? Und wie überhaupt?

Die Gesellschaft wird deshalb nicht nur Konsum- sondern auch Wegwerfgesellschaft genannt. Für diesen achtlosen Umgang mit den Dingen gibt es seit ein paar Jahren sogar einen unverdächtigen Begriff: Littering. Dazu das Bundesamt für Umwelt auf seiner Homepage: «Littering, das unbedachte oder absichtliche Fallen- und Liegenlassen von Abfall unterwegs, verursacht den Gemeinden Mehrkosten. Erstmals werden für die Schweiz die durch Littering im öffentlichen Raum und in öffentlichen Verkehrsmitteln verursachten Reinigungskosten systematisch erhoben. Die Studie zeigt, dass in der Schweiz gesamthaft jährlich rund 200 Millionen Franken durch Littering anfallen.» (bafu) Zweihundert Millionen pro Jahr. Einfach weil Menschen zu faul oder zu achtlos sind, um ein paar Schritte zum nächsten Abfalleimer zu gehen. Eine konsumsatte dumpfe Bequemlichkeit macht sich breit. Die «Zuvielisation» geht einher mit einer exponentiell ansteigenden Vernachlässigung des Verursacherprinzips. Irgendjemand wird schon dafür sorgen, dass aufgeräumt wird. Und wenn nicht – auch egal.

Auf allen Kanälen und auf allen Seiten wird pausenlos die unbeschränkte Verfügbarkeit der Lustbarkeiten im Supermarkt des Lebens suggeriert. Damit wird gleichzeitig auch ein Anrecht suggeriert, sich aus den scheinbar so prall gefüllten Regalen bedienen zu können. Einfach so.

«Die Welt schuldet Ihnen nichts, denn sie war vor Ihnen da!» (Mark Twain)

«Recht» scheint den heutigen Menschen weitaus wichtiger zu sein als «Pflicht». Die Rechte als Bürger, Arbeitnehmer, Patient, Kunde, Nachbar etc. werden hoch gewichtet, wohingegen die Pflichten gerne vernachlässigt werden. Abgestützt auf den Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird das Recht auf Arbeit hochgehalten. Nach einem Artikel der Pflicht auf gute Arbeit schreit freilich niemand… Jeder nimmt sich heute das Recht, etwas zu seinem persönlichen Menschenrecht zu erklären und darauf zu pochen.

Blickpunkt Schule

Auch wenn man manchmal das Gefühl haben könnte, einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss und nicht einem Elternabend beizuwohnen – Lernen passt schlecht in die gängigen Schemata von «Recht» und «Anrecht». Lernen, schulisches zumal, lässt sich nicht einfach vom Regal holen. Es lässt sich nicht bestellen. Es lässt sich nicht konsumieren. Keine einfache Situation für die Schule. Sie muss Gegensteuer geben. Es fällt ihr die unbequeme Aufgabe zu, der Unbequemlichkeit zu Attraktivität zu verhelfen.

Dazu gehört: sich verantwortlich fühlen, eine Art Verursacherprinzip auch auf das eigene Lernen anwenden. Und dazu gehört: das Konstruieren, das Erzeugen, das Hervorbringen ins Zentrum zu stellen. Es geht darum, ein Lernen zu kultivieren, das Werte entstehen lässt. Es geht darum, die Erkenntnis zu evozieren, dass hinter dem Lernen ein Prozess steckt. Es geht darum, die Lernenden zu Experten für diesen Prozess zu machen. Sie müssen möglichst häufig die Erfahrung machen dürfen, dass sie ihr Lernen beeinflussen können. Sie müssen lernen, stolz sein zu können auf ihre Arbeit. Stolz, weil sie etwas hervorgebracht haben. Stolz, weil sie Schwierigkeiten gemeistert haben. Stolz, weil sie sich selbstwirksam fühlen.

Der Stolz entspringt der (subjektiven) Gewissheit, Anerkennenswertes geleistet oder daran mitgewirkt zu haben. Aufgabe der Schule ist es, gleichsam ein Klima zu schaffen, in dem etwas leisten (statt konsumieren), Pflichtbewusstsein (statt Anrecht) und Sorgfalt (statt wegschmeissen) Werte sind, an denen Lernende sich orientieren. Und an denen sie sich orientieren wollen. Weil es sich lohnt.


Hildebrandt, Antje: Die Horror-WG. Wie sich die Drehbuchautoren von RTL II die Jugend von heute vorstellen In: Welt, 13.09.2011

Müller, Andreas: «zwäg». Worauf es (in der Schule) wirklich ankommt. Oder: das Konzept der multiplen Fitness. hep Verlag. Bern. 2017

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: Vom Was zum Wie. hep Verlag. Bern. 2. Auflage 2013

Müller, Andreas: Die Schule schwänzt das Lernen. Und niemand sitzt nach. hep Verlag. Bern. 2013

Littering ist den meisten Jugendlichen egal. G. Brönnimann. 20min, 02.03.2016

IGSU. IG Saubere Umwelt

No-Littering-Label


 

Updated on 22. Mai 2018

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