Selbstbestimmung

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"The criterion of growth is progress towards self-determination." (Arnold Toynbee)



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Quelle: http://www.nadasisland.com/motivation/Deci_R2.gif

Inhaltsverzeichnis

Wie entsteht Motivation zum Lernen?

Wie entsteht bei einem Lernenden in der Auseinandersetzung mit den Lerninhalten Motivation dies zu tun? Und wie wichtig ist Motivation überhaupt für das Lernen? Die Theorie der Selbstbestimmung nach Deci und Ryan aus dem Jahr 1985 bietet ein fundiertes wissenschaftliches Rahmenmodell, um insbesondere die Frage der Motivation und ihrer Bedeutung für das Lernen zu klären. Zahlreiche empirische Befunde der letzen 20 Jahre belegen mittlerweile, dass eine auf Selbstbestimmung beruhende Lernmotivation positive Auswirkungen auf die Qualität des Lernens hat. Dabei hat die soziale Umwelt eines Lernenden, wie etwa die Schule oder Familie, an der Entstehung selbstbestimmter Motivation einen erheblichen Anteil.

Ein Rahmenmodell für die Selbstbestimmungstheorie

Bei der Selbstbestimmungstheorie handelt es sich um eine organismische und dialektische Theorie der menschlichen Motivation. Unter organismisch versteht man das grundlegende Bestreben von Menschen, sich fortwährend psychologisch zu entwickeln, Herausforderungen zu meistern und eigene Erfahrungen in ein kohärentes Selbst zu integrieren. Die treibende psychische Energie sind angeborene menschliche Grundbedürfnisse, sog. Basic Needs. Unter dialektisch versteht man das fortwährende Zusammenspiel aus diesen individuellen Entwicklungsmotivationen und den Einflüssen der sozialen Umwelt.

Motivation und Verhaltensregulation

Was ist überhaupt Motivation? Die Selbstbestimmungstheorie unterscheidet Motivation nicht hinsichtlich ihrer Stärke, sondern hinsichtlich ihrer Qualität. Dabei liegt die Annahme eines Kontinuums von Verhaltensregulation zugrunde (vlg. Übersicht: Deci & Ryan, 1993). Der eine Pol wird durch die gänzliche Amotivation repräsentiert und geht mit keinerlei selbstbestimmter Verhaltensregulation einher. Entlang des Kontinuums bewegt sich die externale Motivation, die 4 verschiedene Stadien extrinsischer Verhaltensregulation unterscheidet: die externale, die introjizierte, die identifizierte und die integrierte Verhaltensregulation. Sind alle Stadien durchlaufen, folgt nur noch die Stufe der intrinsischen Motivation, welche das andere Ende des Kontinuums repräsentiert. Alle Stufen der Verhaltensregulation unterscheiden sich im Grade ihrer Kontrolliertheit bzw. im Grade ihrer Selbstbestimmung: je stärker eine Sache kontrolliert ist, desto weniger ist sie selbstbestimmt.

Basic Needs – Menschliche Grundbedürfnisse

Was beeinflusst einen Menschen darin, ob er in seiner Verhaltenstendenz eher selbstbestimmt motiviert oder eher external motiviert ist? Die Antwort auf diese Frage basiert auf der Annahme dreier universell angeborener psychischer Grundbedürfnisse, der sog. Basic Needs (vgl. Übersicht: Deci & Ryan, 2000). Diese wirken als treibender Kraft für das menschliche Bestreben nach persönlicher Entwicklung, ihre Befriedigung wiederum geht mit einem hohen Maß an selbstbestimmter Motivation einher:

1. Bedürfnis nach Autonomie 2. Bedürfnis nach Kompetenzerfahrung 3. Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit

Insgesamt ist also die Entwicklung oder Aufrechterhaltung selbstbestimmter Motivation von diesen bedürfnisbezogenen Erlebnisqualitäten (Autonomie, Kompetenz, soziale Eingebundenheit) abhängig. D.h., nachhaltige, selbstbestimmte Motivation (wie z.B. die integrierte externale Verhaltensregulation oder die intrinsische Verhaltensregulation) entsteht dann, wenn eine Handlung insgesamt als emotional befriedigend im Sinne der Basic Needs erlebt wird (vgl. Krapp & Ryan, 2002).

Selbstbestimmte Motivation, Basic Needs und Lernen

Wie hängen Motivation, Basic Needs und Lernen zusammen? Die empirische Befundlage spricht dafür, dass erfolgreiches Lernen nur durch ein vom Lernenden selbst ausgehendes Engagement erzielt werden kann. Mit anderen Worten: erfolgreiches Lernen bedarf intrinsischer und/oder integrierter Verhaltensmotivation – und Regulation. Zahlreiche Daten zeigen, dass selbstbestimmte Lernende bessere Lernleistungen aufweisen als weniger selbstbestimmte, wie z.B. bessere Noten, bessere Leistungen in objektiven Leistungstest, eine geringere Schulabbruchquote u.s.w. (vgl. Deci, Ryan & Williams, 1996; Vansteenkiste & Lens, 2006). Dabei fördern soziale Umwelten, in denen wichtige Bezugspersonen Anteil nehmen, die Befriedigung der Basic Needs ermöglichen, Autonomiebestrebungen des Lerners unterstützen und die Erfahrung individueller Kompetenz ermöglichen, die Entwicklung einer auf Selbstbestimmung beruhenden Motivation. Verantwortlich für diese Entwicklung sind letztendlich alle sozialen Bedingungen, die das Bestreben nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit unterstützen. Hier kommt der Einfluss schulischen Kontextes besonders zum Tragen, denn zum einen verbringen Kinder und Jugendliche einen Großteil ihrer persönlichen Entwicklungsphase in der Schule, zum anderen ist kaum ein anderer sozialer Kontext vergleichsweise stark auf die Entwicklung selbstbestimmter Motivation angewiesen. Auch hier ist dieser Zusammenhang empirisch gut untersucht und die Datenlage klar: zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass autonomieunterstützende und anteilnehmende Lehrer sowie auch Eltern einen statistisch bedeutsamen positiven Einfluss auf die Lernleistung von Schülern haben.


Quellen, Ressourcen, Links

Deci, E.L., & Ryan, R.M. (1993). Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik, 39, 223-238. Deutschsprachiger wissenschaftlicher Übersichtsartikel, gibt Überblick über die wesentlichsten Grundzüge der Selbstbestimmungstheorie inkl. Implikationen für die schulische Praxis. Media:Selbstbestimmung_Deci_Ryan_1993.pdf

Deci, E.L., Ryan, R.M., & Williams, G.C. (1996). Need Satisfaction and the Self-Regulation of Learning. Learning and Individual Differences, 8 (3): 165-183. Englischsprachiger wissenschaftlicher Artikel, welcher Übersicht über empirische Studien zum Zusammenhang zwischen selbstbestimmter Motivation und Lernen gibt. Media:Selbstbestimmung_Deci_Ryan_Williams_1996.pdf

Deci, E.L., & Ryan, R.M. (2000). The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11 (4): 227-268. Ausführlicher englischsprachiger wissenschaftlicher Übersichtsartikel über Basic Needs und Motivation. Media:Selbstbestimmung_Deci_Ryan_2000.pdf

Vansteenkiste, M., Lens, W., & Deci, E.L. (2006). Intrinsic Versus Extrinsic Goal Contents in Self-Determination Theory: Another Looks at the Quality of Academic Motivation. Educational Psychologist, 4 (1): 19-31. Englischsprachiger wissenschaftlicher Artikel, welcher Übersicht über empirische Studien zum Zusammenhang zwischen selbstbestimmter Motivation und Lernen gibt. Media:Selbstbestimmung_Vansteenkiste_Lens_Deci_2006.pdf

Krapp, A., & Ryan, R. (2002). Selbstwirksamkeit und Lernmotivation. Eine kritische Betrachtung der Theorie von Bandura aus Sicht der Selbstbestimmungstheorie und der pädagogisch-psychologischen Interessentheorie. In: M. Jerusalem & D. Hopf (Eds.). Lernwirksame Schulen (pp. 54-82). Weinheim: Beltz 2002. Deutschsprachiges wissenschaftliches Beiheft zur Zeitschrift für Pädagogik über den Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeit und Grundzügen der Selbstbestimmungstheorie.

Oliver Lüdtke: Persönliche Ziele junger Erwachsener. Verlag Waxmann, 2006, 1. Aufl. Deutschsprachiges Buch über den Zusammenhang zwischen Zielverfolgung, Selbstbestimmung und Lernerfolg junger Erwachsener, skizziert anhand empirischer Befunde.

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