Rahmenfaktor 4: Funktionsverständnis

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Dem Leben ist es egal, wie die Schule organisiert ist.


FunktionsverständnisForm follows function – ein Gestaltungsleitsatz aus Design und Architektur. Er bedeutet: Die Form muss der Funktion folgen. Die Form, die Gestaltung von Dingen soll sich aus ihrer Funktion, aus ihrem Nutzungszweck ableiten. Geprägt hat den Satz Louis Sullivan, einer der ersten grossen Hochhausarchitekten: „Ob es der gravitätische Adler in seinem Flug oder die geöffnete Apfelblüte, das sich abplagende Arbeitspferd, der anmutige Schwan, die sich abzweigende Eiche, der sich schlängelnde Strom an seiner Quelle, die treibenden Wolken, die überall scheinende Sonne, die Form folgt immer der Funktion, das ist ein Gesetz.“ (Sullivan 1896)

Auf die Schule bezogen lässt sich daraus folgern: Zuerst stellt sich die Frage der Funktion. Welche Funktion soll die Schule erfüllen. Und dann stellt sich die Frage nach der Form: Welche Form ist geeignet, der Funktion Rechnung zu tragen. Wenn die Schule es sich beispielsweise auf die Fahne geschrieben hat, dass die Lernenden selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten lernen sollen, muss sie sich die Frage stellen: Mit welchen Arrangements können wir das erreichen? Oder eben: Welche Form dient dieser Funktion? Nicht selten gilt aber das Gesetz von Sullivan eher andersrum: Man hat eine Form – ein Fach, eine Lektion, einen Stundenplan, ein Schulzimmer – und der wird dann die Funktion angepasst.



Inhaltsverzeichnis

Funktion Veränderungskompetenz

Aber eigentlich müsste sich die Schule Fragen zu ihrer Funktion stellen. Und sie müsste sich ihnen stellen. Denn die Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft bleiben nicht ohne Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen. Sie wachsen in anderen Welten auf. Noch immer aber sind die Schulen so organisiert, als wären alle Mütter den ganzen Tag zu Hause und würden die Kinder zum Ernteeinbringen benötigt. Die Zahl der Mütter (oder Väter), die tagsüber zu Hause auf die Kinder warten hat aber ebenso drastisch abgenommen, wie die Zahl der Jugendlichen, die in den Ferien Kartoffeln auflesen.

Nicht allzu lange ist es her, da hatten sich Kinder in den Familien mit vielen Erwachsenen und vielen Kindern auseinander zu setzen. Auf ganz natürlich Weise galt es, Rücksicht zu nehmen, zu teilen, zu warten. Das sieht heute wesentlich anders aus. Auch die Mediennutzung sieht anders aus. Viele Kinder und Jugendliche sitzen stunden- und vor allem nächtelang vor dem Bildschirm. Sie erleben die Welt als virtuellen Raum aus dritter Hand. Und das morgendliche Frühstück kennen viele nur aus der Fernsehwerbung.

Was haben all diese Veränderungen mit schulischem Lernen zu tun? Haben sie! Und wie! Natürlich kann man sagen: Das ist Sache der Eltern, der Gesellschaft. Das geht uns nichts an. Man kann sich auch auf den vielzitierten Standpunkt stellen: Die Schule ist nicht der Reparaturbetrieb der Gesellschaft. Kann man. Wem hilfts? Sicher nicht den Lernenden. Aber genau um sie ginge es ja eigentlich. Für sie wäre die Schule da.

Deshalb kommt nicht um die Frage herum, welche Aufgaben sich denn daraus für die Schule ergeben. Oder eben: Welche Funktion ihr zukommt. Auf diese Frage gibt es kaum eine einzig richtige Antwort. Und es gibt auch keine Patentrezepte wie in den Kochbüchern von Betty Bossi. Für jede Schule stellen sich die Fragen ein bisschen anders. Aber sie stellen sich. Und eines darf man nicht: sie ignorieren. Es braucht eine gemeinsame Strategie, um dem Anforderungswandel erfolgreich zu begegnen.

Damit ist klar: Wer sich für die Lernenden an einer Schule mitverantwortlich fühlt, ist aufgefordert, sich als konstruktiver Veränderer zu verstehen. Als Change Agent quasi. Denn, so Michael Fullan, „in dieser Welt ist der Wandel ein Ausdruck des Lebens selbst, das von einigen Menschen besser gemeistert wird als von anderen, weil sie wissen, wie man Veränderungen erkennt, bewältigt, initiiert, auch wenn es für niemanden vollkommenes Glück oder ungetrübte Harmonie gibt.“

Deshalb stellt sich Michael Fullan auf den Standpunkt: „Für die künftige Entwicklung der Gesellschaft wird es besonders wichtig sein, dass Lehrer über die notwendigen Fähigkeiten verfügen, um Veränderungen zu bewältigen, daraus zu lernen und ihren Schülern diese Fähigkeiten zu vermitteln. Bis jetzt sind die Lehrer nicht in der Lage, diese wichtige Rolle zu übernehmen.“ (Fullan 1999)



Funktion Persönlichkeitsbildung

Verantwortliche an Schulen müssen ein bisschen unbequeme Zeitgenossen sein. Denn sie wissen, dass die Welt sich verändert. Und sie wollen, dass die Schule – als Teil dieser Welt – sich mit verändert. Der Grund ist einfach: Wir leben in dieser Welt. Und die Aufgabe der Schule ist auch klar: Lernenden zum Erfolg verhelfen, damit sie mehr vom Leben haben. Und da – im Leben – spielen Schulfächer lediglich eine unbedeutende Statistenrolle. Auf der Bühne des Lebens treten andere Dinge ins Scheinwerferlicht. „Spätestens seit der PISA-Studie wissen wir, dass wir den Wert von Merkmalen wie Arbeitseifer, Ehrgeiz und Disziplin wohl lange allzu leichtfertig unterschätzt haben“, stellt Thomas Saum-Aldehoff nüchtern fest. „Heitere Sorglosigkeit und Leichtfüssigkeit sind auf den ersten Blick sympathische Eigenschaften. Doch wer möchte auf Dauer mit einem Menschen das Leben teilen, der nach dem Lustprinzip in den Tag hineinlebt und die Dinge nicht geregelt bekommt? Wer möchte einen Mitarbeiter einstellen, der sich mit Begeisterung auf jedes Projekt stürzt, doch rasch erlahmt, sobald sich der Reiz des Neuen verflüchtigt hat?


Tugenden

Wer im Alltag bestehen will, braucht eine gewisse Portion an Organisiertheit, Beharrlichkeit und Selbstüberwindung. Diese Eigenschaften bündeln sich im Faktor Gewissenhaftikeit, der eine der fünf grossen Achsen der Persönlichkeit (‚Big Five’) bildet. Gewissenhaftigkeit ist derjenige Persönlichkeitszug, der mit Abstand am engsten mit dem Arbeitsverhalten sowie mit der Leistung in Schule, Ausbildung und Beruf zusammenhängt.“ (Saum-Aldehoff 2007) In zahlreichen Studien zeigt sich immer wieder das gleiche Ergebnis: Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle ist einer der wichtigsten Prädiktoren für den Erfolg, in der Schule, im Beruf, im persönlichen Umfeld. „Wie andere Aspekte der Persönlichkeit hat auch die Gewissenhaftigkeit eine angeborene biologische Komponente. Manche Menschen sind von Natur aus gewissenhafter als andere. Doch offensichtlich ist dieses Wesensmerkmal langfristig in gewissem Umfang wandelbar und abhängig von der Lebenserfahrung. Eigenschaften wie Selbstdisziplin, Fleiss, Ordnung oder Besonnenheit gedeihen besser in einem vertrauensvollen Umfeld, das einem Menschen Halt und Bindung gibt, aber auch Pflichten auferlegt.“ (Saum-Aldehoff 2007)

Was bedeutet das im Hinblick auf die Funktion der Schule? Wenn sie am (Lebens)Erfolg der Lernenden interessiert ist, ist ihre Aufgabe, ein Umfeld zu gestalten, das Sekundärtugenden fördert. In einem solchen Klima ist nicht nur von Rechten, sondern auch von Pflichten die Rede, von Selbstdisziplin, von Leistungsfreude, von Verlässlichkeit, von Verantwortung, von Ordnungsliebe und ähnlichen Tugenden.


Positive Psychologie

Die Positive Psychologie spricht in diesem Zusammenhang von positiven Charaktereigenschaften. Damit meint sie Stärken und Tugenden (z.B. Originalität, Lernfreude, Fleiss, Ausdauer, Integrität, Begeisterungsfähigkeit, Bescheidenheit, Selbstdisziplin, soziale Kompetenz, Humor), die es den Menschen erlauben, ihr Leben erfolgreich zu gestalten und entsprechend positive Rückmeldungen vom Leben zu erhalten. Die Positive Psychologie nimmt an, dass sich solche Eigenschaften langfristig trainieren lassen. Protagonisten dieser modernen Richtung in der Psychologie sind unter anderem Martin Seligman und Mihaly Czikszentmihalyi.

Die Schule hat sich aus dem Thema Persönlichkeitsentwicklung eher herausgehalten. Sie hat die Verantwortung dafür den Eltern zugewiesen, vielleicht mal eine Projektwoche dazu veranstaltet, oder – wenn es dann gar nicht mehr funktionierte – heil-, sozial- oder andere pädagogische Dienste in Anspruch genommen. Denn Schule, das ist erstens Deutsch, Mathematik, Englisch, Naturwissenschaften und zweitens Deutsch, Mathematik, Englisch, Naturwissenschaften. Wo kämen wir denn hin, wenn sie sich nun auch noch um irgendwelche Tugenden kümmern müsste? Die Frage ist anders zu stellen: Wo kommen wir hin, wenn sie es nicht tut?



Funktion Lernkompetenz

Entscheidend ist also, wie Lernende sich selber wahrnehmen, wie sie an die Welt herantreten, wie sie mit sich und anderen umgehen. Und: Sie müssen sich zu helfen wissen. Dazu braucht es Strategien, Methoden, Werkzeuge. Es geht um die Frage nach dem Wie.

Ein Merkmal der vorgestrigen, der gestrigen und der heutigen Schule ist das curriculare Denken. Das, was als wichtig gilt (und daran hat sich über die vielen Jahrzehnte kaum etwas verändert), wird in Fächer aufgeteilt. Dann wird das Aufgeteilte auf Jahrgänge verteilt. Und dann wird das verteilte Aufgeteilte noch feinstaubiger in Lehrpläne aufgelistet. Und dann wird es durch Lehrpersonen landauf landab möglichst zum gleichen Zeitpunkt an Jahrgangsklassen verabreicht. Der gleiche Zeitpunkt ist deshalb wichtig, weil ja auch die Vergleichsprüfungen alle zu einem bestimmten Zeitpunkt über die Bühne gehen. Deren Ziel ist es, die Schülerspreu vom Schülerweizen zu trennen.

Das Was dominiert schulisches Denken und Handeln bis in alle Verästelungen. Algebra. Brüche kürzen. Komma nach einem Infinitiv. Barocklyrik. Bezugspunkt ist das Was. Was habt ihr heute gehabt? Was kommt morgen dran?

Doch Lernen ist nicht „Was“, Lernen ist eine Aktivität, ein „Wie“. Dazu braucht es natürlich einen Wissensaufbau, ein aktiv verfügbares Wissensnetzwerk. Ein Ziel ist dessen permanente Erweiterung. Und das erfolgt durch Handlungen, durch Lernaktivitäten. Die Entwicklung des Wissens geht einher mit der Entwicklung methodischer und strategischer Fähigkeiten und Fertigkeiten. Denn Lernen ist ein Transformationsprozess. Transformieren heisst: Den Informationen eine innere und äussere Form geben, sie begreifbar machen. Denn Informationen sind zunächst nur beliebige Daten-Bits auf der Suche nach Menschen, die etwas aus ihnen machen. Bedeutung nämlich. Und je vielseitiger das „handwerkliche“ Repertoire, desto wahrscheinlicher ist der Erfolg. Denn, so Abraham Maslow: Wer als einziges Werkzeug einen Hammer kennt, für den ist jedes Problem ein Nagel.




Quellen, Ressourcen, Links

Quellen

Fullan, Michael: Die Schule als lernendes Unternehmen. Konzepte für eine neue Kultur in der Pädagogik. Klett-Cotta. Stuttgart. 1999

Müller, Andreas: Lernen steckt an. hep-Verlag. Bern. 2001

Müller, Andreas: Wenn nicht ich, ...? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. hep-Verlag. Bern. 2002

Müller, Andreas: Referenzieren. Ein Verfahren zur Förderung selbstwirksamen Lernens. In: Die Deutsche Schule. Juventa. Weinheim. 1/2003

Müller, Andreas: Erfolg! Was sonst? Generierendes Lernen macht anschlussfähig. hep-Verlag. Bern. 2004

Müller, Andreas: Eigentlich wäre Lernen geil. Wie Schule (auch) sein kann: alles ausser gewöhnlich. hep-Verlag. Bern. 2006

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Wider-ständen. Oder kurz: vom Was zum Wie. hep-Verlag. Bern. 2008

Saum-Aldehoff, Thomas: Die unterschätzte Macht der Sekundartugenden. In: Psychologie heute. August 2007

Sullivan, Louis: The tall office building artistically considered. Chicago. 1896


Ressourcen


Links

http://dasmagazin.ch/index.php/die-schule-vom-kind-her-denken/
Tagi-Magi-Artikel von Remo Largo und Martin Beglinger:Die Schule vom Kind her denken

http://www.lernkompetenz.th.schule.de/
Thillm: Materialien für Schulentwicklung und Förderung der Lernkompetenz

http://www.themanagement.de/Ressources/change_agent.htm
Beschreibung von Kernkompetenzen für Change Agents

http://www.gesamtschule-iserlohn.de/eltern/bemerkungen/arbeitsverhalten.html
Formulierungshilfen/Zeugnisbemerkungen zum Arbeitsverhalten

http://www.slv-nrw.de/Mitglieder/forum/Sekundaertugenden.pdf
Wie sekundär sind Sekundärtugenden? Text zur Alltagsmoral in der modernen Kultur

http://www.goethe.de/ges/pok/dos/dos/wert/de849699.htm
Goethe-Institut: Text zur Werteerziehung im Bildungswesen

http://www.unipublic.unizh.ch/magazin/gesellschaft/2005/1968.html
Artikel über die Entwicklung der Positiven Psychologie an der Universität Zürich

http://www.gluecksarchiv.de/inhalt/positivepsychologie.htm
Kurze Beschreibung des Konzepts der Positiven Psychologie

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