Rahmenfaktor 3: Lernverständnis

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Das Leben ist nichts, wenn man nichts aus ihm macht.


Lernverständnis„Erstes und letztes Ziel unserer Didaktik soll es sein, die Unterrichtsweise aufzuspüren und zu erkunden, bei welcher die Lehrer weniger zu lehren brauchen, die Schüler dennoch mehr lernen.“ Comenius hat vor bald einem halben Jahrtausend formuliert, wie die Aufgaben zu verteilen sind. Lernen können nur die Lernenden. Denn Lernen ist ein Selbstgestaltungsprozess, eine Aktivität. Sie soll aus sich heraus Spass und Freude machen. Und: Lernen führt zu Ergebnissen. Sie sollen den Menschen helfen, ihr Leben erfolgreich gestalten zu können. Aktivität und Ergebnis beeinflussen sich gegenseitig.

Idealerweise, so Kurt Reusser, wird Lernen verstanden als „konstruktiver, kumulativer, problemorientierter, reflexiver, durch materiale und personale Ressourcen gestützter, selbstregulierter und selbstmotivierter Prozess“. Und weiter: „Je (inter)aktiver, problemorientierter, selbstmotivierter Wissen erworben, konstruiert wird, desto besser wird es verstanden und behalten, desto beweglicher kann es beim Denken und Handeln genutzt werden und desto grösser ist der Beitrag zur Ausbildung von Lernstrategien.“ Für Kurt Reusser ist deshalb klar: „Lernen muss ‚basic needs’ befriedigen. Ein Unterricht, der die drei Grundmotive

Kompetenz (Selbstwirksamkeit)
Soziale Eingebundenheit (Respekt, Sicherheit, Unterstützung)
Autonomie (selbstbestimmtes Handeln, aus freien Stücken)

auf Dauer unbefriedigt lässt, bewirkt wenig produktives und als subjektiv bedeutsam erlebtes Lernen.“ (Reusser 2003)

Lernen versteht sich damit nicht als Reaktion auf Lehren, sondern als Lebensform. Alle Menschen haben drei psychische Bedürfnisse, so Marion Sonnenmoser, „von deren Befriedigung ihr Lebensglück abhängt: Nur wenn sie erfüllt werden, sind sie leistungsfähig, ausgeglichen und können ihre Potenziale entfalten. Das erste dieser Grundbedürfnisse ist Selbstbestimmung: selbstständig entscheiden können und die eigenen Interessen und Ziele verfolgen. Das zweite Grundbedürfnis ist Kompetenz. Damit ist die Fähigkeit gemeint, wirksam zu handeln und Herausforderungen zu bewältigen. Das dritte Grundbedürfnis ist Zugehörigkeit. Das heisst, dass man sich akzeptiert, geschätzt und mit wichtigen Bezugspersonen verbunden fühlt. (Sonnenmoser 2006)

Und klar: Es ist ein wesentlicher und handlungssteuernder Unterschied, ob Lernen als Tätigkeit verstanden wird, die Schule schadlos zu überstehen oder als Voraussetzung, sein Leben erfolgreich gestalten zu können.



Inhaltsverzeichnis

Von Mäusen zu Menschen

LernverständnisDas Bild, was (schulisches) Lernen sei, wie es funktioniert, ist im Verlaufe der Jahrzehnte ein paar Mal neu gemalt und übermalt worden. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde die Lernpsychologie massgeblich von einer behaviouristischen Sichtweise geprägt. Beobachtbares Verhalten (behaviour) war das wissenschaftliche Mass der Dinge. Klassische Konditionierung (Pawlows Hunde[1] beispielsweise) oder operante Konditionierung (durch Verstärkungen) basierten auf dem Verständnis von Lernen als passivem Prozess. Das heisst: Der Reiz bestimmt das Verhalten. „Konsequent durchgeführt ergibt sich ein Unterricht, der nach dem Prinzip ‚drill and practice’ funktioniert: Zunächst wird ein Sachverhalt erklärt. Im Anschluss daran bekommen die Schüler/innen Übungen dazu. Diese Übungen werden dann korrigiert, wobei durch die Rückmeldung der Korrektur die Verstärkung erfolgt.“ (Hartinger 2004) Der Lehrperson kommt also die Rolle der Versuchsleitung zu. Sie denkt sich etwas aus, damit die Lernenden das tun, was sie will. Statt Ratten, Tauben oder Hunde sind es einfach Kinder, die nach diesem Muster versuchen, Belohnungen zu erhalten oder Strafen zu vermeiden.


Kognitive Wende

Mit der kognitiven Wende in der Mitte des letzten Jahrhunderts setzte sich dann die Ansicht durch, dass Lernen ein aktiver Prozess sei und nicht einfach eine Reaktion auf Reize und Verstärker. Der Computer diente als eine Art Metapher: „Ein Mensch verarbeitet die Informationen, die er erhält, indem er sie im Kopf bildlich oder abstrakt (als mentale Modelle, Schemata oder semantische Netzwerke) abspeichert, was dann zu einem zunehmend differenzierteren und vernetzteren Wissen führt.“ (Hartinger 2004)


Konstruktivistisches Lernverständnis

Das konstruktivistische Lernverständnis geht davon aus, dass Lernen ein vom Gehirn gesteuerter Selbstgestaltungsprozess ist. Die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse stützen diese Sichtweise. Demnach gibt es keine objektiv wahrnehmbare Wirklichkeit. Jede Person entwickelt ihr Wissen auf der Basis ihres biografischen Hintergrundes durch individuelle Interpretationen selbst. Dadurch verändern sich sowohl die Vorerfahrungen als auch das neue Wissen. Das heisst: Es gibt keine Bedeutungsübertragung, keinen Wissenstransfer. Jeder Mensch konstruiert sich seine Welt selbst. Und jeder lernt folglich in einer bestimmten Situation anders und anderes. Oder wie es Dewey formuliert hat: „Man kann Erkenntnisse nicht wie Ziegelsteine weitergeben.“

300pxDaraus lässt sich der Schluss ziehen: Die Lernenden bestimmen auf Grund von Wertungen, Erfahrungen und Gefühlen (unbewusst), was sie lernen und wie sie es tun. Gelernt werden kann nur, was sich mit vorhandenen Strukturen verbinden kann. Lernen ist so gesehen eine permanente Umstrukturierung des menschlichen Gehirns, die wiederum zu einer Veränderung dessen führt, was wir als Wahrnehmung bezeichnen, wie wir an diese Welt herangehen und wie wir agieren. Und so weiter. Und so fort. Als aktuellen Forschungsstand, so Andreas Hartinger, „kann man zur Zeit wohl festhalten, dass ein Unterricht auf konstruktivistischer Grundlage, (in dem die Kinder möglichst eigenaktiv anhand möglichst authentischer/lebensnaher Fragestellungen unter Betrachtung verschiedener Pespektiven arbeiten) für die Anwendungsfähigkeit von Wissen als besonders geeignet empfunden wird – insbesondere dann, wenn geeignete Massnahmen zur Strukturierung des Unterrichts getroffen werden.“ (Hartinger 2004)

Selbstgestaltung

Lernen – zielführendes zumal – ist darauf ausgerichtet, etwas zu gestalten, etwas zu generieren. Dieses „Etwas“ bezieht sich im schulischen Kontext vorerst einmal auf Wissen. Klar. Aber es zielt nicht auf diese toten Wissensbestände ab, auf dieses unsägliche Auswendiglernen zum Zwecke der Wiedergabe an Proben und Prüfungen. Vielmehr geht es um lebendiges Wissen, um anwendungsbezogenes, transferorientiertes Wissen. Es geht auch darum, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu generieren. Neudeutsch: Skills. Ums Handwerk quasi. Lernende sollten über ein vielfältiges Methoden- und Strategierepertoire verfügen. Und nicht zuletzt: Die Aktivitäten (und Passivitäten) in schulischen Arrangements führen immer auch zu Haltungen und Einstellungen. Dazu gehören namentlich: Lern- und Leistungsfreude. Und: sich verantwortlich fühlen.

Schulisches Lernen funktioniert häufig immer noch nach dem Primat der Instruktion, nach den Denkmustern, als Lernprozesse an Reaktionen von Laborratten beschrieben wurden. Doch die gesellschaftlichen Parameter haben sich mittlerweile verändert. Wissen ist von beschränkter Haltbarkeit. Entwicklungen vollziehen sich in atemberaubendem Tempo. Hinzu kommt: Man weiss heute wesentlich mehr darüber, wie Menschen lernen, welche Faktoren Lernprozesse begünstigen oder behindern.

Eine dieser Erkenntnisse: Lernen ist Selbstgestaltung. „Durch Lernen erhalten und entwickeln sich lebende Systeme. Lernen erfolgt in ‚Kontexten’, aber als selbst gesteuerter Vorgang. Lernprozesse können von aussen angeregt (perturbiert) werden, aber nicht gesteuert oder gar determiniert“, erklärt Horst Siebert. Und weiter: „Nachhaltig wirken jedoch nur solche Lernprozesse, deren Lernziele und Lerninhalte als bedeutsam und relevant wahrgenommen werden. Bedeutsamkeit aber kann nicht vermittelt werden; jeder muss für sich erfahren, ob ein Thema bedeutungsvoll ist – wobei jedoch die Interaktion mit ‚signifikanten Anderen’ unterstützend wirkt.“ (Siebert 2000) So gesehen sind Lernende zwar lernfähig aber unbelehrbar.



Was läuft im Gehirn

Lernen braucht Wahrnehmung. Und Wahrnehmungen entstehen in unserem Gehirn. Es ist also nicht das Auge, das irgendetwas wahrnimmt, das Ohr oder die Nase. Es sind Nervenreize, die im Gehirn Prozesse auslösen – und zwar in jedem Gehirn andere, abhängig von bisherigen Erfahrungen. Wir alle sind ein Produkt unserer eigenen Geschichte, unseres biografischen Hintergrundes. Unsere Erfahrungen haben in unserem Hirn Gebrauchsspuren hinterlassen. Das führt dazu: Unser Gehirn tendiert zu den gewohnten Mustern. Man tut das, was man immer schon getan hat - und wie man es immer schon getan hat. Neben diesen Erfahrungsmustern beeinflussen auch unsere momentanen Gefühle, Umwelteinflüsse und vereinzelt auch vererbte „Vorentscheidungen“ den Prozess des Gewahrwerdens.

Aber: Das, was wir wahrnehmen (mit unseren Sinnen), ist nicht das, was wir für „wahr nehmen“. Denn: Dazwischen passiert etwas in unserem Gehirn. Und dieser Prozess verläuft neurophysiologisch autonom. Das heisst: Jedes Gehirn trifft in jedem Moment seine eigenen möglichen Unterscheidungen. Die meisten dieser Prozesse laufen unbewusst ab. Das Gehirn wird von Milliarden von Gehirnzellen gebildet. Jede dieser Gehirnzellen ist permanent mit zehntausend anderen aktiv verbunden. Das Gehirn beschäftigt sich also fast ausschliesslich mit sich selbst.

Aus dieser unvorstellbaren Menge und Komplexität neuronalen Interaktionsprozesse entsteht das, was wir schliesslich als „Wirklichkeit“ wahrnehmen. Das heisst: Wir geben einem mikroskopisch kleinen Teil dessen, was in unserem Gehirn abläuft (und einem noch viel kleineren Teil dessen, was „draussen“ abläuft) eine Form. Oder anders gesagt: Wir machen uns ein Bild, mit Hilfe der verfügbaren Muster, oft durch den Prozess der Verbalisierung. Mit der Sprache steuern wir das Denken. Getreu dem Motto: Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?



Lebensdienlichkeit

Lernen dient der permanenten Erweiterung der eigenen Möglichkeiten. Das heisst: Es braucht einen praktischen Bezug, es braucht Bedeutsamkeit. Deshalb folgt Lernen dem Primat der Lebensdienlichkeit. Und lebensdienlich ist, was dem Individuum nützt und gut tut. Denn jedes einzelne Element eines Systems verhält sich (aus der Innenperspektive) immer radikal sinnvoll. Ob andere (aus der Aussenperspektive) das so sehen oder nicht.

Menschen nehmen in der Regel nur dann Dinge in Angriff, wenn sie sich ihnen gewachsen fühlen. Wer eine Situation als nicht beeinflussbar erlebt, meidet sie oder reagiert mit Angst oder Aggression. Wer aber glaubt, über die nötigen Kompetenzen zu verfügen, ist bereit, Herausforderungen anzunehmen und mit verstärktem Engagement sowie mit mehr Beharrlichkeit und Kreativität an die Dinge heranzugehen. „Personen mit einem positiven Leistungs-Selbstkonzept treten schwierigen Aufgaben zuversichtlich gegenüber und können auch Misserfolge gut bewältigen; Personen mit einem negativen Konzept der eigenen Fähigkeiten werden dazu tendieren, Leistungsaufgaben aus dem Weg zu gehen und unter Misserfolgen zu leiden (...) Generell bildet sich das Selbstkonzept einer Person aus der Verarbeitung von eigenen Erfahrungen sowie aus Rückmeldungen, die sie von der Umwelt erhält. Die Schule ist eine wichtige Quelle für solche Erfahrungen und Rückmeldungen.“ (Eder/Lang 2002)




Quellen, Ressourcen, Links

Quellen

Eder, Ferdinand/Lang, Birgit: Persönlichkeitsentwicklung in der Schule – durch die Schule? In: C. Wallner-Paschon & G. Haider (Hsg.). PISA Plus 2000. Thematische Analysen nationaler Projekte. Studien Verlag. Inns-bruck. 2002

Hartinger, Andreas: Vorstellungen von Lernen und Lehren. Grundschulunterricht. 5/2004

Müller, Andreas: Lernen steckt an. hep-Verlag. Bern. 2001

Müller, Andreas: Wenn nicht ich, ...? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. hep-Verlag. Bern. 2002

Müller, Andreas: Referenzieren. Ein Verfahren zur Förderung selbstwirksamen Lernens. In: Die Deutsche Schule. Juventa. Weinheim. 1/2003

Müller, Andreas: Erfolg! Was sonst? Generierendes Lernen macht anschlussfähig. hep-Verlag. Bern. 2004

Müller, Andreas: Eigentlich wäre Lernen geil. Wie Schule (auch) sein kann: alles ausser gewöhnlich. hep-Verlag. Bern. 2006

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Wider-ständen. Oder kurz: vom Was zum Wie. hep-Verlag. Bern. 2008

Reusser, Kurt: Gestaltung von virtuellen Betreuungsangeboten. Überlegungen aus lernpsychologischer und didaktischer Sicht. Präsentationsunterlagen. Fachtagung Swiss Virtual Campus. ETH Zürich. 2003

Siebert, Horst: Neues Lernen? Postmoderne und konstruktivistische Lernkonzepte. Skript. 2000

Sonnenmoser, Marion: Die Balance der Bedürfnisse. In: Psychologie heute. Dezember 2006


Ressourcen


Links

http://homepage.hispeed.ch/pymagix/Tourist%20Info/Psychologie/Metakognition/Metakognition%20im%20Unterricht.htm
Der Text befasst sich mit der Frage, was Metakognition genau ist, welchen Platz sie in einem effizienten Lernprozess einnimmt und wie sie in die individuellen Arbeitsprozesse umgesetzt werden kann.

http://briner.computerscience.ch/metakognition/Metakognition.pdf
Text zur Frage: Welchen Nutzen bringen metakognitive Unterrichtsformen und wie sollen sie eingesetzt werden?

http://commonweb.unifr.ch/artsdean/pub/gestens/f/as/files/4660/10015_100448.pdf
Ausführliche Übersicht (Powerpoint) über verschiedene grundlegende Aspekte und Theorien des Lernens

http://www.psycholinguistik.uni-muenchen.de/publ/lerntheorie.pdf
Lerntheorien im Überblick

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNEN/LerntheorienKonstruktive.shtml
Übersicht über konstruktivistische Lerntheorien

http://hypersoil.uni-muenster.de/2/01/07.htm
Ausführungen zu konstruktivistischen Lerntheorien

http://dsor-fs.upb.de/~blumstengel/Lerntheorien.html
Frage, welchen Einfluß die zugrundeliegende Lerntheorie auf die didaktische Konzeption und Umsetzung von Lernsystemen hat

http://www.agnesweber.ch/app_icc/xt_obj_document.asp?oid=8479&cid=&cmd=FETCH&err=0&
Powerpoint zu Problem Based Learning

http://www.cornelsen.de/sixcms/media.php/8/vorstellungen_lernen_lehren.pdf
Übersichtsbeitrag zu Vorstellungen von Lehren und Lernen

Rohrer, D., Paschler, H. (2007). Lernen will gelernt sein. Aus "Increasing retention without increasing study time" von Paulus J., Psychologie heute
Media:Lernen_will_gelernt_sein.pdf


Fussnoten

  1. Der Behaviourismus stützte sich stark auf Experimente mit Tieren. Ein bekanntes Beispiel lieferte Iwan P. Pawlow. Er verband die Fütterung eines Hundes mit einem Glockenton. Mit der Zeit reagierte der Hund mit Speichelabsonderung auf den Glockenton, auch wenn er kein Futter bekam.
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