Rahmenfaktor 2: Rollenbild

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„Wenn man einen Lehrer ärgern will, dann muss man ihm nur vorwerfen, er sei lehrerhaft. Es ist schon erstaunlich, dass ein von der Profession ‚Lehrer’ abgeleitetes Adjektiv eine derart negative Konnotation besitzt! Würde man einem Maurer mitteilen, er sei maurerhaft, oder einen Arzt wissen lassen, man halte ihn für arzthaft oder gar oberarzthaft, dann würde man auf Unverständnis stossen – ganz im Gegensatz zum Vorwurf, jemand sei lehrerhaft oder – das ist die Steigerung - oberlehrerhaft.“ (Helmke/Schrader 2006)

Auf der anderen Seite gibt auch ein schülerhaftes Verhalten keinen Anlass zu Anerkennung. Wer sich schülerhaft verhält, dem mangelt es zumindest an Selbstständigkeit.

Als schülerhaft oder lehrerhaft bezeichnet zu werden, das liegt also nahe der Beschimpfung. Und das bedeutet: Die Rollen der schulischen Akteure sind negativ besetzt. Im Film wären das die Schurken. Oder die Trottel. Schüler und Lehrer finden sich also in Rollen, die nicht gerade das aufweisen, was man als positives Image bezeichnen könnte.



Inhaltsverzeichnis

Rollen determinieren Verhalten

Rollen sind handlungsleitende Konstruktionen. Sie reduzieren die Komplexität der Situation und der Umstände auf gewohnte Muster und lenken das Handeln in „Gebrauchsspuren“. Das bedeutet dann: Die Rolle determiniert das Verhalten. Wenn der „Lehrer“ dazu da ist, Französisch zu „geben“, braucht er „Schüler“, die eben Französisch „nehmen“. Sie werden sich entsprechend „schülerhaft“ verhalten, was gemäss Wörterbuch so viel heisst wie „unselbstständig“. Das heisst: Die Menschen verhalten sich so, wie sie es in der jeweiligen Lebenswelt zu tun glauben müssen. In der Rolle des Fussballfans brüllt man sich anders in Szene als in der Rolle des zukünftigen Schwiegersohns und in der Rolle der pflichtbewussten Ärztin am Krankenbett anders als am Popkonzert.

Philip Zimbardo vertritt die Ansicht, dass das Tun der Menschen von den jeweiligen Umständen und den entsprechenden Rollen bestimmt wird. Und zwar determinieren Rollen und Situationen das Verhalten viel stärker, als es den meisten Menschen bewusst ist.


Stanford Prison Exeperiment

Ein Beispiel für die Wirkung von Rollen ist das Stanford Prison Experiment. Es gehört zu den wohl ungewöhnlichsten Studien in der psychologischen Forschung. Philip Zimbardo, Professor an der Stanford University, wollte in Erfahrung bringen, wie die Rollen und die Umstände sich auf das Verhalten von Menschen auswirken. Zu diesem Zweck liess er im Keller der Universität ein „Gefängnis“ einrichten. Vierundzwanzig Studenten, die sich auf eine Annonce gemeldet hatten, wurden per Los in „Gefangene“ und in „Wärter“ eingeteilt. Die Aufseher erhielten eine praktische totale Weisungsbefugnis. Nach sechs Tagen musste das Experiment abgebrochen werden, weil es zu massiven Übergriffen von den Wärtern auf die Gefangenen kam.

Das heisst: Obschon im Normalleben alles „nette Jungs“ waren und obschon alle wussten, dass sie nur eine Rolle spielen – die Situation war stärker. Die Rollen wurden nicht gespielt, sie wurden gelebt. Menschen, die in ihrem normalen Umfeld keinerlei psychologische Auffälligkeiten zeigten, entwickelten immer neue Strategien, um die „Gefangenen“ zu bestrafen und zu entwürdigen.



Neue Rollen

Wenn die Schule den Kurs ändern will (oder muss), dann braucht es also einen Klärungsprozess bezüglich der Rollen. Denn Rolle und Situation verstärken sich wechselseitig. Das heisst: Solange es „Lehrer“ gibt und „Schüler“, gibt es eine Einteilung in wenige Haupt- und viele Nebenrollen.

Die OECD – verantwortlich für Pisa – macht sich denn auch stark für eine neue Lehrerausbildung und ein Rollenverständnis, das mit den Bedürfnissen der Zeit Schritt zu halten vermag. Der konstruktive Umgang mit Vielfalt und die Individualisierung des Lernens bilden ebenso wichtige Punkte eines erwünschten Berufsprofils wie das Verständnis von Schule als Lernorganisation und – damit verbunden – neue Arbeitszeitmodelle. Das führt dann zur Folgerung, dass die Attraktivität des Berufes sich aus seinen neuen und vielfältigeren Tätigkeiten ergeben müsse und nicht aus dem Beamtenstatus und der Aussicht auf eine sichere und gleichbleibende Tätigkeit.


LernCoaching (Definition)

LerncoachingLernCoaches verfügen über Wissen, Können und Haltungen, um lernende Individuen, Gruppen und Organisationen bedürfnisgerecht und nachhaltig zu unterstützen. Auf der Grundlage vereinbarter Ziele werden Prozesse initiiert und begleitet und Ergebnisse ausgewertet mit der Intention, die Anschlussfähigkeit der Lernenden so zu erweitern, dass sie sich in relevanten Situationen erfolgreich erleben.

LernCoaching (Beschreibung)

LernCoaching zielt darauf ab, die lernrelevanten Faktoren im Hinblick auf den individuellen Erfolg möglichst günstig zu beeinflussen. Aus Fachpersonen für den Stoff werden Fachpersonen für das Lernen. Und Lernen heisst, Eigenes gestalten. Es ist gleichsam ein sich selbst fördernder, aktiver und konstruktiver Prozess, basierend auf dem Prinzip der Selbstorganisation und Selbststeuerung. Diese eigenen Initiativen und Aktivitäten kommen aber nicht allein den individuellen Bedürfnissen zugute. Sie wirken sich auch auf die Umgebung aus. Über die Lernumgebung wiederum werden Impulse und Inspirationen vermittelt. So entwickelt sich eine Dynamik der dauernden, aktiv gestalteten Neuorganisation der involvierten Systeme.

LernCoaches sind so gesehen ein mitgestaltendes Teilsystem. Und sie übernehmen damit einen spielbestimmenden Teil der Verantwortung. Nicht der „Stoff“ steht dabei im Zentrum, sondern die Lernenden und ihr Lernen. LernCoaching ist gleichsam eine supportive, Tätigkeit. Die Aktivitäten – angefangen bei der Gestaltung einer inspirierenden Lernumgebung bis hin zu einer lösungsorientierten Interaktion – orientieren sich am Ziel, wirksame und nachhaltige Lernprozesse zu fördern. Oder eben: den Lernenden zum Erfolg zu verhelfen.


Lernunternehmer

Lernende werden normalerweise als Schüler bezeichnet. Daran sind bestimmte Rollenerwartungen geknüpft. Aus der Tradition der Schule heraus tun Schüler das, was Lehrende sagen. Und sie tun es so, wie die es haben wollen. Schüler sein ist damit eine Anpassungsleistung, Anpassung an das, was andere vorgedacht und vorgesagt haben. Wenn nun aber die Lehrpersonen neue Rollen einnehmen, verlangt das von den Lernenden ebenfalls ein neues Verständnis. Sie werden quasi zu Unternehmern ihrer selbst. Unternehmen versteht sich (auch) als Gegenteil von unterlassen. Individuelle Ziele verfolgen, in Gruppen arbeiten, eigenaktiv Lernnachweise erbringen und alle anderen Formen der Verlagerung des Aktivitätsschwerpunktes binden die Lernenden viel mehr in die Verantwortung ein.


  VERANTWORTUNGS-
PARADIGMA
SCHULDZUWEISUNGS-
PARADIGMA
RECHTFERTIGUNGS-
PARADIGMA
Schüler Warum habe ich nicht mehr Interesse gezeigt und mich nicht mehr angestrengt? Der Lehrer hätte mir das halt besser erklären müssen. Man hat zu wenig Zeit und wenn man etwas nicht versteht, kann man nicht fragen.
Lehrer Warum habe ich nicht rechtzeitig wirkungsvollere Unterstützung geleistet? Der Schüler hätte halt besser aufpassen müssen. In so grossen Klassen kann man nicht auf jeden Schüler eingehen.
Eltern Warum haben wir das nicht gemerkt und uns nicht darum gekümmert? Die Lehrer müssten halt dafür sorgen, dass die Schüler ihre Sachen machen. Die Jungen lassen sich nichts mehr sagen. Was will man da?



Verantwortung übernehmen, das ist nicht nur bequem. Es braucht deshalb das Gefühl der Machbarkeit. Und das wiederum verlangt nach einschlägigen Erfahrungen, beruhend auf Wissen (knowledge), Fähigkeiten und Fertigkeiten (skills) und Haltungen und Einstellungen (attitude). Das wechselwirksame Zusammenspiel dieser drei Faktoren bildet die Grundlage erfolgreichen Lernens und Weiterlernens. Besonderes Gewicht kommt in diesem Zusammenspiel den Exekutiven Funktionen zu.

Im Wesentlichen heisst das: Aus Betroffenen werden Beteiligte. Das bedeutet, sich nicht ausgeliefert zu fühlen – anderen Menschen, Systemen oder den eigenen Unzulänglichkeiten. Im Gegenteil: Es geht darum, sich der eigenen Fähigkeiten und Wirksamkeiten bewusst zu werden. Denn: Die Bereitschaft, den manchmal beschwerlichen Weg des Lernens auf sich zu nehmen, steht und fällt mit dem Glauben ans Gelingen. Das heisst: Eine Erhöhung der Selbstwirksamkeit korrespondiert mit dem Lernerfolg einerseits und grösserer Lern- und Leistungsfreude andererseits.

Operationalisiert ist diese Philosophie im Prinzip generierenden Lernens (Müller 2004). Es gliedert sich in drei integral miteinander verbundene und ineinander verwobene Komponenten: AntizipationPartizipationReflexion.

Klassisches Schülerverhalten ist in den Grundzügen ein reaktives, ein adaptives Verhalten. Generierendes Lernen setzt deshalb einen klaren Akzent im Bereich des proaktiven Denkens und Handelns. Denn Antizipation heisst: Vorausschauen, sich einstimmen, sich einen Überblick verschaffen.

Partizipation meint: teil zu haben, aktiver und mitgestaltender Teil dessen zu sein, was passiert. Es geht ums Gefühl, etwas Wichtiges zu tun, etwas von Relevanz. Es geht um ein Beteiligt-Sein an der Arbeit (Verantwortung für die inhaltliche und formale Gestaltung) ebenso wie um ein Beteiligt-Sein bei der Arbeit (innere Präsenz).

Reflexion zielt darauf ab, aus der Logik des Gelingens die Strategien für die Zukunft abzuleiten. Die Erfolgsstrategien notabene. Die Summe der Erfolgserfahrungen bildet eine Quelle der Zuversicht und der Motivation und stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.




Quellen, Ressourcen, Links

Quellen

Müller, Andreas: Lernen steckt an. hep-Verlag. Bern. 2001

Müller, Andreas: Wenn nicht ich, ...? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. hep-Verlag. Bern. 2002

Müller, Andreas: Referenzieren. Ein Verfahren zur Förderung selbstwirksamen Lernens. In: Die Deutsche Schule. Juventa. Weinheim. 1/2003

Müller, Andreas: Erfolg! Was sonst? Generierendes Lernen macht anschlussfähig. hep-Verlag. Bern. 2004

Müller, Andreas: Eigentlich wäre Lernen geil. Wie Schule (auch) sein kann: alles ausser gewöhnlich. hep-Verlag. Bern. 2006

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: vom Was zum Wie. hep-Verlag. Bern. 2008


Ressourcen


Links

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/922724/
Ein Viertel der Lehrer leidet unter Burnout
Fachtagung: "Viele hätten ihren Beruf gar nicht erst nicht ergreifen dürfen"

http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,526165,00.html
Spiegel: Bericht über die Frage der Lehrerarbeitszeit

http://www.ganztagsschulen.org/6457.php
Bundesministerium für Bildung und Forschung zu Fragen der Präsenzzeit und Teamarbeit in der Schule

http://www.learn-line.nrw.de/angebote/medienmathe/nmimmu/lehrerschuelerrolle/lehrerschuelerrolle.pdf
Landesinstitut für Schule und Weiterbildung: neue Rollen am Beispiel des Medieneinsatzes im Mathematik-Unterricht

http://www.unfallkassen.de/files/510/04_Steinert.pdf?PHPSESSID=c550
Präsenzzeitmodelle in der Schule als Beitrag zur Lehrergesundheit

http://www.quagis.de/index.php?session=60538cd0ec670de15fad433a0118eed9&content_id=62
Ergebnisse und Vorschläge der Projektgruppe QuaGiS zur Entwicklung eines zukunftsfähigen Arbeits-zeitmodells

http://www.bildung-brandenburg.de/fileadmin/bbs/schule/ganztagsschule/Kobra_Ganztagszeitung/GanzGut2_72.pdf
LISUM Brandenburg: Überlegungen zur individuellen Förderung im Kontext des BLK-Modellversuches „Lernen für den GanzTag“

Herrmann, M. u.a. (2008). Gerechte Schiedsrichter fördern Fair Play. Psychologie heute
Media:Fair_play.pdf

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