Rahmenfaktor 1: Menschenbild

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Ich lege jetzt meine Waffe weg. Dann können wir miteinander reden. (Derrick)


Unter Menschenbild wird die Vorstellung, das Bild verstanden, das jemand sich vom Wesen der Menschen macht. Der Ausdruck Menschenbild ist eine Metapher. Ein Menschenbild bezieht sich auf Menschen allgemein ebenso wie auf einzelne Personen oder bestimmte Gruppen. Es beinhaltet das, was man über Menschen weiss oder zu wissen glaubt.


Inhaltsverzeichnis

Pymalion-Effekt

Alle Menschen haben immer ein Menschenbild. Das kann aber von unterschiedlicher Qualität sein, bewusst oder unbewusst, diffus oder explizit. Wie auch immer: Es hilft, sich als soziales Wesen in einem sozialen Umfeld zu orientieren und zu handeln. Dieses innere Bild steuert auf unbewusste Weise das Verhalten. Klar, wer davon ausgeht, dass alles faule Säcke sind, wird diese Haltung in vielfältiger Weise in sein Alltagshandeln übertragen.

Das innere Bild findet seine Entsprechung im Umgang mit den Lernenden. Das heisst: Mit welchem Bild (und also auch mit welcher Haltung) tritt eine Lehrperson den Lernenden gegenüber? Welche Erwartungen knüpfe er an diese Begegnungen?

Die Welt ist so, wie wir sie sehen (wollen). Pygmalion, ein griechischer Künstler, schuf eine Frauengestalt aus Elfenbein und verliebte sich in sie. So bat er denn inständig darum, sie möge zum Leben erweckt werden. Sein Wunsch wurde erfüllt. Eine Figur wurde lebendig. Eine Vorstellung wurde Realität. Als „Pygmalion-Effekt“ bekannt, heisst das: Die Menschen konstruieren sich ihre Welt. Die inneren Bilder der Erfahrungen werden nach aussen projiziert und geben die Kulissen ab, die als Welt, als Realität, als Wahrheit wahrgenommen werden.

Übertragen auf die Schule bedeutet das: Lehrpersonen haben diejenigen Lernenden, die sie sich vorstel-len. Und wenn es nicht so läuft, wie es laufen sollte, stellt man sich am besten die Frage: Ist dir schon einmal aufgefallen, welche Person immer beteiligt ist, wenn in deinem Leben etwas nicht so läuft, wie du dir das vorstellst?


Schlüsselwort Vertrauen

Ein Schlüsselwort für die konstruktive und entspannte Zusammenarbeit heisst: Vertrauen. „Die Gesellschaft der Zukunft ist zum Vertrauen verurteilt“, schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk. Denn die beschleunigte Komplexität in Wirtschaft und Gesellschaft überfordert zunehmend die Kontrollsysteme. Wie sieht es eigentlich mit der Vertrauenskultur an Schulen aus? Sie gebärdet sich eher als Fluchtverhinderungssystem. Das manifestiert sich in den vielfältigen Kontrollorgien. Prüfungen, Aufgabenkontrollen, unangemeldete Tests, Abfragerituale weisen auf ein schulisches Denkmuster, das den Lernenden unterstellt: Die tun nur dann etwas, wenn man sie dazu zwingt.

Und in der Tat: So ist es. Kontrolliert und misstrauisch beobachtet, muss sich der Lernende zu unkooperativem Verhalten geradezu ermutigt fühlen. Denn die inneren psychologischen Kosten eines schlechten Gewissens entfallen. Schon vor zweitausend Jahren hat Seneca dazu vermerkt: „Sie haben dem anderen durch Argwohn ein Recht gegeben, sich an ihnen zu versündigen.“ Oder anders gesagt: Je mehr Kontrollen, desto defizitärer ein System.

„Fehlt es an Vertrauen“, stellt Reinhard Sprenger fest, „ist alles wie verhext. Dann bekommt die Beziehung gleichsam eine Minus vor die Klammer. Alles verkehrt sich ins Gegenteil.“ Und an anderer Stelle: „Aufgrund unserer biologischen Prägung entwickelt sich der Mensch unter bestimmten Bedingungen, unter anderen kümmert er dahin. Alle psychologischen und soziologischen Fakten beweisen, dass der Mensch unter Vertrauensbedingungen aufblüht.“ (Sprenger 2002)


Schlüsselwort Interesse

Ich verhelfe ihm zum Erfolg, dafür bin ich da.Wenn Lernende sich zu mehr verpflichten sollen als zu blosser Anpassung, brauchen sie ein Gefühl der Zugehörigkeit. Denn wer sich nicht als Teil der Lösung fühlt, wird zum Teil des Problems. Mithin brauchen Lernende die Gewissheit, dass ihnen die Lehrperson positiv gegenüber steht.

Das führt zum Schlüsselwort: Interesse. Lernende wollen nicht verwaltet werden. Sie dürfen erwarten, dass Lehrpersonen sich für sie interessieren, für ihre Situation, ihre Bedürfnisse, ihre Ziele. Da gehört einmal ein professionelles Interesse dazu. „Ich verhelfe ihm zum Erfolg, dafür bin ich da“, hat Darren Cahill (Coach von Andre Agassi) gesagt. Das gilt ohne Abstriche auch für die Schule. Wer das will – eben: den persönlichen Erfolg eines jeden Lernenden – muss zu ihnen eine verhelfende Beziehung aufbauen. Und das wiederum setzt voraus, dass man sich für die Menschen interessiert, die jeden Tag zur Schule kommen (müssen). Das würde in der Konsequenz heissen: In der Mathematik geht es weniger um Mathematik als um Menschen.

Und das geht über ein rein professionelles Interesse hinaus. Gerade heutzutage, in einer Zeit, in der viele Kinder und Jugendliche in „beziehungsfernen“ Situationen aufwachsen, kann die Schule (oder muss sogar) einen wesentlichen Beitrag leisten zu einer „gesunden“ Sozialisation. Erziehung durch Beziehung könnte vielleicht die Devise für die Menschen in den Schulen lauten.

Identifikations-Widerstands-Modell

Kein Lernen ohne Beziehung – Beziehung zu sich, zu anderen, zu den Dingen, um die es geht. Beziehung ist die Grundlage für eine gesunde Identifikation. Und diese wiederum ist Voraussetzung für den Umgang mit Widerstand, der jedem Lernen eigen ist. Wenn Lernende Freude entwickeln sollen am Umgang mit den Widerständigkeiten des Lernens, braucht es Identifikation. Identifizieren kann man sich mit Sachen, mit Kontexten (Peers, Normen, Vereine) und mit Personen. Das echte Interesse an den Lernenden und an ihrem Erfolg fördert die Identifikation mit der Institution und den Personen, die diese Institution prägen. Und das zeigt Wirkung. Denn: Je höher die Identifikation, desto geringer der Widerstand.

Schlüsselwort Verlässlichkeit

Kultur und Werteorientierung werden geprägt durch die Personen, die die Werte setzen. In der Schule sind das die Lehrpersonen. Sie bilden also – ob sie das wollen oder nicht – eine Art Bezugssystem für Haltungen und Verhalten.

Nun kann ja auch von Lehrpersonen niemand erwarten, dass sie jeden Abend Kopfweh haben, weil der Heiligenschein sie drückt. Was man aber erwarten kann: Dass sie verlässliche Partner der Lernenden sind. Dazu gehört: Verbindlichkeiten eingehen. Verbindlichkeiten einhalten. Und Verbindlichkeiten einfordern. Denn das ist eine Form des Sich-gegenseitig-Ernstnehmens.

Werte lassen sich nicht vermitteln. Werte werden gelebt. Sie werden sinnlich wahrnehmbar durch all das, was die Menschen – zum Beispiel in der Schule – tun. Und durch das, was sie nicht tun. Einer dieser Werte heisst Verlässlichkeit. Das ist ein Relationsbegriff. Wie so viele andere Wertebezeichnungen auch. Das bedeutet: Er ist relativ zu dem, was damit angefangen wird. Und das bedeutet weiter: Wer Verlässlichkeit (oder Freundlichkeit, oder Pünktlichkeit, oder Respekt, oder Wertschätzung) erwartet, muss durch sein Verhalten zeigen, was damit gemeint ist. Daraus entwickelt sich so etwas wie Glaubwürdigkeit. Und eben auch Verlässlichkeit.


Quellen, Ressourcen, Links

Quellen

Müller, Andreas: Lernen steckt an. hep-Verlag. Bern. 2001

Müller, Andreas: Wenn nicht ich, ...? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. hep-Verlag. Bern. 2002

Müller, Andreas: Referenzieren. Ein Verfahren zur Förderung selbstwirksamen Lernens. In: Die Deutsche Schule. Juventa. Weinheim. 1/2003

Müller, Andreas: Erfolg! Was sonst? Generierendes Lernen macht anschlussfähig. hep-Verlag. Bern. 2004

Müller, Andreas: Eigentlich wäre Lernen geil. Wie Schule (auch) sein kann: alles ausser gewöhnlich. hep-Verlag. Bern. 2006

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Wider-ständen. Oder kurz: vom Was zum Wie. hep-Verlag. Bern. 2008

Sprenger, Reinhard K.: Vertrauen führt. Worauf es im Unternehmen wirklich ankommt. Campus. Frank-furt/New York. 2002

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