Lernort

Aus UpdateNet

Wechseln zu: Navigation, Suche

Lernende und ihre Umgebung stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander. Die Umgebung prägt das Verhalten und das Verhalten prägt die Umgebung. Nicht von ungefähr spricht man denn auch vom Raum als drittem Pädagogen. Wer erfolgreiches Lernen fördern will, schenkt deshalb der Umgebung die nötige Beachtung (und den nötigen Respekt). Anders gesagt: Der Lernort ist der Übersetzer der Einstellung ins Sichtbare.



Inhaltsverzeichnis

Lernort beeinflusst das Verhalten

Lernort beeinflusst das VerhaltenDer Ort determiniert das Verhalten: Wenn Leinwand und Wandtafel zeigen, wo „vorne“ ist, werden sich die Lernenden entsprechend verhalten. Denn „vorne“ ist in einem solchen Fall der Aktivitätsschwerpunkt. Und „hinten“ harrt man der Dinge, die da kommen mögen. Alles ist kontextabhängig: Menschliches Verhalten wird geprägt durch die Umgebung. Auf die Schule bezogen heisst das: Den Räumen und dem gestalteten Lernumfeld kommt eine verhaltenssteuernde Wirkung zu.

Und das bedeutet dann: Schulisches Arbeits- und Sozialverhalten wird in starkem Masse beeinflusst durch den Ort, an dem es stattfindet. Wie sind Räume eingerichtet? Wie riecht das Lernen? Welche „Sprache“ spricht die Umgebung? Welche Haltung (zum Beispiel in Bezug auf Wertschätzung) wird mit den Räumen zum Ausdruck gebracht? Wie wird die ausserschulische Umgebung miteinbezogen? Welche Lern- und Arbeitsformen sind möglich (und damit offensichtlich erwünscht)?


Mikro-Umgebung

Damit ist gemeint: der eigentliche Arbeitsplatz eines Lernenden. Die ganz persönliche Umgebung. Der Ort, an dem das Bild des Lieblingsspielers hängt, das Andenken an die letzten Ferien, die Karte vom Freund. Dem persönlichen Arbeitsplatz kommt die Funktion einer Homebase zu: Da fühle ich mich zuhause. Da ist es mir wohl.

Arbeitsplätze können nach dem Prinzip der offenen Nischen gestaltet sein. Nischen deshalb, weil sie Rückzugsmöglichkeiten bieten, Sicherheit auch. Und offen, damit die Kommunikation in der Gruppe auf einfache Weise möglich ist.

Arbeitsplätzen kommt aber auch eine funktionale Rolle zu. Entsprechend sind sie einzurichten. Kurz: Es ist alles da, was man braucht.


Meso-Umgebung

Damit ist gemeint: der Raum, der die Arbeitsplätze beherbergt. Wenn immer möglich werden verschiedenen Aktivitäten (Einzelarbeiten, Gruppen, Plenum) entsprechende Funktionszonen zur Verfügung gestellt. Beispiel: Die Lernenden begeben sich für einen Input an einen bestimmten Ort. Dann gehen sie wieder zurück an ihren Arbeitsplatz.

Lernen braucht Bewegung. Damit ist nicht der Schulsport gemeint. Die Lernräume müssen durch die Organisation und durch verschiedene Höhen zur „kleinen“ Bewegung einladen: Computer auf Stehtischen, offene Bodenflächen, wo sich auf dem Bauch liegend arbeiten lässt, Sitzecken zum Lesen, Stehtische für Besprechungen, Regale für Nachschlagewerke und Materialien, Tische für Schneid- und Klebearbeiten.

Räume dienen aber nicht einfach Funktionen. Es kommt ihnen auch eine ästhetische und atmosphärische Bedeutung zu. Sie sind auch Inspirationsquellen. Die „weichen Faktoren“ spielen dabei eine wichtige Rolle: Bilder, Farben, Gerüche, Hintergrundmusik, Pflanzen. Und ganz speziell in dieser Beziehung steht nicht das Vorhandensein im Zentrum, sondern der Umgang damit. Die halb verdorrte Pflanze, das vergilbte Plakat, die Unordnung auf dem Regal – das sind Botschaften. Sie sind Ausdruck des Grades an Wertschätzung, die der Umgebung (und damit den Menschen) entgegengebracht wird.


Makro-Umgebung

Damit ist gemeint: das Haus, in dem Lernen seinen Lebensraum hat. Lernhäuser sind gastliche Häuser. Sie laden ein. Zu aktivem Handeln. Sie sind deshalb im wahrsten Sinne des Wortes offen. Die Arbeitsräume ziehen sich ins Haus hinein, auf die Korridore hinaus.

Wer lernt, vernetzt und verbindet Dinge miteinander. Diesem Prinzip folgen auch die Häuser, in denen Lernen stattfindet. Sie verbinden Räume und Menschen miteinander. Und sie wirken auch so nach aussen. Wie Menschen, so zeichnen sich auch einladende Schulen durch bestimmte Gesten der Gastlichkeit aus- durch abwechslungsreiche Räume, durch Farben, durch Pflanzen, durch liebevolle Dekorationen. Und wichtig: Man sieht den Schulen an, dass sich Menschen um sie kümmern, dass sie gepflegt werden. Nicht nur gereinigt. Lehrpersonen übernehmen damit auch die Rolle von „Atmosphären-Didaktikern“. Sie fühlen sich verantwortlich für das Erscheinungsbild ihrer Schule. Vorbild statt Vorschrift heisst ihre Devise.


Mondo-Umgebung

Damit ist gemeint: die Verbindung von „Welt“ und Schule. Lernen kann man überall. Lernen ist nicht an Räume gebunden. Lebensorte sind oftmals idealere Lernorte. Der natürliche Bachlauf ist attraktiver und herausfordernder, um sich entdeckend mit der Welt auseinander zu setzen, als das Wasser im Reagenzglas.

Lernen basiert auf Erfahrung, nicht auf Belehrung. Erfahrung ist die Grundlage aller Erkenntnis. Das sucht nach einer Öffnung von Schule in lernrelevante Lebensräume hinein. Und umgekehrt. Ein Netzwerk von ausserschulischen Partnern – Vereine, Unternehmen, soziale Einrichtungen, Eltern, Behörden – schafft Lebens- und Praxisnähe. Und die Verbindung zu Partnerinstitutionen über Sprach- und Landesgrenzen hinweg öffnet ein weiteres Tor zur Welt.

Eine Erweiterung des schulischen Aktivitätsraumes muss systematisch geschehen. Die Verbindung zur „Welt“ muss Teil einer Kultur sein, einer Haltung - und muss in den Lernarrangements einen festen und wichtigen Platz einnehmen (z.B. Service Learning).

Locations have emotions

Locations have emotionsLernen lässt sich überall. Und wenn Lernen nicht mit Schule gleichgesetzt wird, sind wohl viele Orte besser geeignet als ein Klassenzimmer. Lebensorte sind ideale Lernorte. Gleichwohl findet das schulische Lernen halt mehrheitlich in Schulräumen statt. Und sie üben deshalb eine nachhaltige Wirkung aus darauf, wie dieses Lernen erlebt wird. Denn: Locations have emotions.

Klar, wenn es darum geht, einer Gruppe von Lernenden zu sagen, wo es lang geht, dann ist es sicher nicht falsch, dass jemand vorne steht und eben sagt, wo es lang geht. Aus dieser Tradition der Kirchen und Kasernen sind schliesslich die Schulen entstanden. Und die Kasernisierung des Lernens zeigt sich noch heute in vielen Schulhausbauten.

Wenn es aber darum gehen soll, Lernen mit Erleben zu verbinden, Belehrung durch Erfahrung zu ersetzen, dann geht das nicht, ohne dem Ort des Geschehens die nötige Beachtung zu schenken. Eine Kultur des Lernens entwickelt sich leichter an Orten, die den entsprechenden Bedürfnissen Rechnung tragen. Denn die klassische Beschulungs- und Beschallungsorganisation wirkt letztlich lernverhindernd. Schulhausarchitektur und bürokratische Bestimmungen orientieren sich häufig am Frontalunterricht als Mass der Dinge. Und die Platzverhältnisse machen es ebenso häufig auch nicht gerade einfach, aus Schul- und Klassenzimmern inspirierende Lernorte zu gestalten. Und doch geht es! Denn das Vorhandensein von Platz und Equipment ist überhaupt kein Garant für eine lernfreundliche Umgebung. Der Zustand der Dinge, das ist die wahre Botschaft. Oder anders gesagt: Geist schafft Materie. Lernorte bestehen aus vielen Zeichen. Und damit eben aus vielen Botschaften: Pflanzen und Bilder, Ordnung und Anordnung, Geräusche und Gerüche, all diese kleinen Zeichen ergeben zusammen ein Bild. Und an diesem Bild lässt sich erkennen, welche Beziehung die Menschen haben zum Ort und zu dem, was sie an diesem Ort tun. Und lassen.




Quellen, Ressourcen, Links

Quellen

Müller, Andreas: Lernen steckt an. hep-Verlag. Bern. 2001

Müller, Andreas: Wenn nicht ich, ...? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. hep-Verlag. Bern. 2002

Müller, Andreas: Referenzieren. Ein Verfahren zur Förderung selbstwirksamen Lernens. In: Die Deutsche Schule. Juventa. Weinheim. 1/2003

Müller, Andreas: Erfolg! Was sonst? Generierendes Lernen macht anschlussfähig. hep-Verlag. Bern. 2004

Müller, Andreas/Noirjean, Roland: Lernen – und wie?! Gebrauchsanweisungen für den Lernerfolg. hep-Verlag. Bern. 2004

Müller, Andreas: Eigentlich wäre Lernen geil. Wie Schule (auch) sein kann: alles ausser gewöhnlich. hep-Verlag. Bern. 2006

Müller, Andreas/Noirjean, Roland: Lernerfolg ist lernbar. 22x33 handfeste Möglichkeiten, Freude am Verstehen zu kriegen. hep-Verlag. Bern. 2007

Müller, Andreas: Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Wider-ständen. Oder kurz: vom Was zum Wie. hep-Verlag. Bern. 2008


Ressourcen

Watschinger, Josef/Kühebacher, Josef (Hrsg.): Schularchitektur und neue Lernkultur. hep-Verlag. Bern. 2007
Watschinger, Josef / Schularchitektur und neue Lernkultur


Links

http://erwachsenenbildung.at/fachthemen/lernwerkstatt/lernraeume_zuercher_2002.pdf
Überlegungen und Anregungen zur Gestaltung von Lernräumen (nicht nur für die Erwachsenenbildung

http://www-f.uni-magdeburg.de/~kwlce/op/downloads/QuA4WS0506_klein.ppt
Powerpoint Präsentation mit Fragen (und Antworten) zur Gestaltung von Lern(t)räumen

http://www.exzellent-tagen.de/lernumfeld/thesaurus/farbeUndLernen.htm
Informationen und Übrlegungen zur Wirkung farblicher Gestaltung von Räumen

http://lehrerfortbildung-bw.de/elearning/moodle/einfuehrung/kursdesign/kursumgebung/index.html
Informationen zur Gestaltung von Kursumgebungen

Persönliche Werkzeuge