Implizites Lernen

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Implizites Lernen

Das meiste Lernen ist nicht das Ergebnis von Unterweisung. Es ist vielmehr das Ergebnis ungehinderter Teilnahme in sinnvoller Umgebung. (Ivan Illich)

(Karikatur folgt)

Was ist implizites Lernen?

Implizites Lernen bezeichnet ein mehr oder weniger geplantes, mehr oder weniger beabsichtigtes und mehr oder weniger bewusstes Lernen. Ursprünglich außerhalb formaler Bildungsinstitutionen gedacht, geht es um das Lernen in Lebenszusammenhängen, ohne dass explizite Inhalte gelehrt werden. Impliziter Wissenserwerb ergibt sich als unbeabsichtigte Konsequenz während Menschen in ihrer Umwelt interagieren. Das Phänomen konnte in den Bereichen der Sensomotorik, Sprache und Musik nachgewiesen werden.

Ähnliche, oft synonym verwendete Begriffe bezeichnen das inzidentelle Lernen (von engl. „incidental“, d.h. zufällig, beiläufig) oder das informelle Lernen (als Lernen außerhalb des formalen Bildungssystems).

Implizites Lernen innerhalb formaler Bildungssysteme

Natürlich findet implizites Lernen auch innerhalb des formalen Bildungssystems statt. Peschel schätzt, dass ca. 70% des Lernens in der Schule impliziter Art sind. Auch wenn diese Prozentzahl sicherlich wissenschaftlich nicht belastbar ist, die Botschaft ist klar: Das implizite Lernen ist eine wichtige Lernform, auch in der Schule. Das Eisberg-Modell der Lernkultur (Arnold & Schüßler, 1998, S.11) oder auch das Konzept des „hidden curriculum“ (heimlicher /geheimer Lehrplan) sind zwei prominente Vertreter dieser Idee.

Im Schulkontext gibt es eine Vielzahl von Methoden und Konzepten (Handlungsorientierter Unterricht, Lernen durch Lehren, Service Learning, Learning by Doing und Lernen am Modell), die gezielt das implizite Lernen in das schulische Lernen integrieren.

Dohmen (2001) argumentiert allerdings, dass das informellen Lernens in Deutschland von der Bildungspolitik, Bildungsforschung und der Bildungspraxis weitgehend vernachlässigt wurde und führt „best practice“ Beispiele aus anderen Ländern an.

Die Erforschung des impliziten Lernens

Experimentelle Paradigmen mit denen das implizite Lernen erforscht wird, sind z.B. das Sequenzlernen (serial reaction time tasks) und das Lernen künstlicher Grammatiken. Bei dem Sequenzlernen wird eine Versuchsperson typischerweise aufgefordert ihre Finger auf einzelne Tasten zu legen und so schnell wie möglich die jeweils angezeigte Taste zu drücken. Die Reihenfolge (die Sequenz) mit der die verschiedenen Tasten gedrückt werden sollen, kann entweder zufällig sein oder eine mehr oder weniger komplizierte Ordnung beinhalten. Liegt eine geordnete Sequenz vor, muss sich die Versuchsperson nicht immer darüber bewusst sein, wie diese Sequenz aussieht oder auch nur, dass es sie überhaupt gibt. Aber: an den Reaktionszeiten merkt man, dass auf die Sequenz reagiert wird: die Versuchsperson drückt die Tasten schneller. Implizites Lernen hat stattgefunden.

Interaktionen zwischen implizitem und explizitem Lernen

Wissen oder Können das implizit gelernt wurde, kann – wenn auch nicht immer in allen Fällen – vom Lerner nachträglich explizit verbalisiert werden. Fletcher et al. (2005) konnten zeigen, dass Versuchspersonen, die nicht aufgefordert wurden nach einer Sequenz in der Serial Reaction Time Task zu suchen, trotzdem Teile der Sequenz korrekt beschreiben konnten. Die Autoren konnten weiterhin einen negativen Einfluss der expliziten Instruktion auf das implizite Lernen zeigen: bei schweren Sequenzen gelang es nicht diese zu verbalisieren. Aber die Versuchspersonen, die nicht nach der Sequenz suchen sollten, sondern einfach schnell reagieren, fanden die Sequenz implizit: ihre Reaktionen wurden schneller. Die Versuchspersonen, die aufgefordert wurden nach der Sequenz zu suchen, waren weniger erfolgreich: bei ihnen war auch weniger implizites Lernen zu finden. Die explizite Aufforderung nach Regeln zu suchen behinderte das Sequenzlernen, wenn die Aufgabe zu schwer wurde.

Altersabhängigkeit von implizitem Lernen

Die Altersabhängigkeit von implizitem Lernen ist noch nicht endgültig geklärt. So gibt es zwar auf der einen Seite Studien, die zeigen, dass Zwanzigjährige besser als Siebzigjährige implizit lernen können. Beide Gruppen erkannten Strukturen zweiter Ordnung, aber nur die jungen Erwachsenen waren in der Lage auch Strukturen dritter Ordnung zu erkennen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Forschungen die belegen, dass das implizite Lernen von Zwanzig- und Siebzigjährigen vergleichbar gut ist und mit dem Lebensalter stabil bleibt (Howard et al., 2008). Ein Vergleich von Kindern und Jugendlichen legt Nahe, dass der Erfolg von implizitem Lernen im zweiten Lebensjahrzehnt drastisch abnimmt (Spitzer, 2005).

Gehirngebiete des impliziten und expliziten Lernens

Implizites und explizites Lernen können im Gehirn lokalisiert werden. Dabei gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen implizitem und explizitem Lernen. Besonders aufschlussreich waren in diesem Zusammenhang Läsionsstudien: also Fälle in denen ein Teil des Gehirns ausfiel. Der Patient H.M., konnte ohne Hippocampus nicht mehr explizit Lernen. Er kann keine Erinnerungen mehr formen und es heißt, er würde vor seinem Spiegelbild erschrecken, weil er sich noch immer für einen jungen Mann halte. Er könnte jeden Morgen dieselbe Tageszeitung lesen ohne sich zu langweilen. Das klinische Bild eines Patienten ohne Hippocampi wurde im Film „50 erste Dates“ eingefangen, wenn sich Henry seiner neuen Freundin Lucy immer wieder neu vorstellen muss.

Die Hippocampusstruktur ist wichtig für das explizite Lernen. Doch implizit kann man auch ohne sie lernen. Dem Patienten H.M. bereitete es keine Mühe, das Schreiben in Spiegelschrift zu erlernen. Auch sein Arbeitsgedächtnis ist intakt und er kann Problemlösefähigkeiten lernen. Während der Hippocampus notwendig für das explizite Lernen zu sein scheint, ist für das implizite Lernen der Stand der Forschung noch nicht eindeutig. In manchen Fällen der Schädigung der Basalganglien kommt es dazu, dass explizit aber nicht mehr implizit gelernt wird.

Quellen, Ressourcen, Links

Internationale Recherche finanziert und veröffentlicht vom BMBF über das informelle Lernen (Dohmer 2001): http://www.bmbf.de/pub/das_informelle_lernen.pdf

Beitrag im Journal of Neuroscience über die „Serial Reaction Time Task“ von Robertson (2007): http://www.jneurosci.org/cgi/content/full/27/38/10073

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