Auseinandersetzung

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Was nicht in die Wurzeln geht, geht nicht in die Krone.

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Lernen zielt darauf ab zu verstehen. Das heisst: Es geht nicht darum, etwas zu „behandeln“. Es geht darum, sich] – durchaus auch lustbetont – damit auseinander zu setzen. Es geht nicht darum, Antworten zu geben. Es geht zuerst und vor allem darum, Fragen zu stellen. Daran – am Verstehen und am entsprechenden Umgang mit Widerständen – müssen Lernende Freude entwickeln.

Fragen nachzugehen heisst einer Spur folgen. Das – eben einer Spur folgen – entspricht ja auch der etymologischen Bedeutung des Wortes „lernen“. Wer neugierig ist, wer Fragen stellt – sich oder anderen – will etwas wissen und verstehen. Mit anderen Worten: Es entsteht eine Art inneres Auftragsverhältnis. Der Auftrag nämlich, etwas einer Klärung zuzuführen.


Inhaltsverzeichnis

Verstehen

Der Sinn der Botschaft entsteht immer beim EmpfängerSchulisches Lernen – ist es auf Nachhaltigkeit ausgerichtet - folgt dem Ziel zu verstehen. Verstehen meint: Informationen umwandeln in Bedeutung. Oder: aus etwas Fremdem etwas Eigenes machen. Es geht mithin um eine wesensgestaltende Veränderung eines Zustands. Das heisst: Verstehen ist ein Gestaltungs- und Transformationsprozess, mit dem Ergebnis, Dinge einem neuen Verständnis zugeführt, Erfahrungen gemacht und Erkenntnisse gewonnen zu haben.

Und: Das beglückende Gefühl, etwas verstanden zu haben, ist ein hochgradig emotionales Erlebnis.

Lernende müssen folglich die Erfahrung machen, dass aktives Verstehen-Wollen gewinnbringend ist. Wer versteht, hat aus etwas Fremdem etwas Eigenes gemacht. Das ist ein gutes Gefühl. Und deshalb sollten Lernende dieses gute Gefühl, etwas wirklich verstanden zu haben, immer und immer wieder erleben. Denn Emotionen spielen beim Lernen eine wichtige Rolle, ebenso der Umgang mit negativen Emotionen. Dies geschieht nicht zufällig, sondern wird über komplexe physiologische und neurobiologische Prozesse gesteuert. Verstehen lohnt sich also. Mehr noch: es belohnt sich. Denn die Erfahrung, etwas verstanden zu haben, tut gut. Und jede emotionale Bewertung löst biochemische Vorgänge im Gehirn aus: Positive Emotionen stimulieren zum Beispiel das so genannte Dopaminsystem, das Motivation und Belohnungseffekte steuert. Je häufiger positive Lernerfahrungen gemacht werden, umso geringer wird der Widerstand der Leitungen zwischen den Neuronen und umso leichter wird die Erregungsenergie weitergeleitet. Lernen legt Gebrauchsspuren ins Gehirn. Die Wege entstehen quasi durchs Gehen. Oder eben: durchs Verstehen.

Mit der geistigen Nahrung ist es wie mit dem Essen: Wir ernähren uns nicht von dem, was uns vorgesetzt wird, sondern von dem, was wir verdauen. In unserem Körper wird die Nahrung umgewandelt in Energie. Mit dem Lernen ist es ähnlich. Lernen passiert nicht durch wiederholte Eingabe, sondern durch entsprechendes Handeln. Verstehen entwickelt und zeigt sich im Tun, in tätiger Auseinandersetzung. Je intensiver und je häufiger, desto tiefer wird die Gebrauchsspur im Gehirn, die sich dabei bildet.



Lernnachweise

Lernpyramide von GreenZiel schulischen Arbeitens sind Lernnachweise. Sich selber und anderen durch aktives Tun den Nachweis erbringen, etwas verstanden, aus etwas Fremdem etwas Eigenes gemacht zu haben. Das Gegenteil davon wären Erledigungsnachweise: die Aufgaben „erledigt“ und die Dinge „gehabt“ zu haben.

Lernnachweise zeigen sich in Aktivitäten. Wer Französischvokabeln gelernt hat, kann etwas tun mit ihnen. Er kann sie in Handlungen transformieren. Der Begriff ist keineswegs neu: „Der Schüler soll nicht nur über die Worte, sondern vor allem über den Sinn und Inhalt dessen, was er gelernt hat, Auskunft geben können; der Nutzen, den er davon gehabt hat, soll sich nicht im Gedächtnis, sondern bei der Anwendung im Leben zeigen; der Inhalt der neuen Unterweisung muss sich auf hundertfache Weise ausdrücken lassen, er muss sich auf verschiedene Objekte anwenden lassen; dann erst kann der Lehrer sehen, ob der Schüler das Wesentliche wirklich erfasst und sich zu eigen gemacht hat. Es ist ein Zeichen von ungenügender Verdauung, wenn man die Speisen unverändert wieder von sich gibt, so wie man sie geschluckt hat; der Magen hat nicht funktioniert, wenn er das, was er zu verarbeiten hatte, nicht ganz und gar verändert und umgestaltet hat.“ Michel de Montaigne hat in diesen Worten von Lernnachweisen gesprochen – vor notabene mehr als vierhundert Jahren. Lernnachweise zielen auf Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit im Sinne von Lernen impliziert, dass das Gelernte nicht nur längerfristig im Gedächtnis verankert wird, sondern auch den exekutiven Funktionen zuträglich ist.



Eigene Ziele

Verstehend lernen – mit Widerständen um- und Fragen nachgehen – ist ein individueller Konstruktionsprozess. Der Versuch, diesem Prozess eine Richtung zu geben, basiert auf einem Denken und Handeln in Zielen. Nun macht es aber einen wesentlichen Unterschied, um wessen Ziele es sich handelt.

Das einzige Ziel, gegen das ein Mensch sich nicht wehrt, ist sein eigenes. Lernende müssen also lernen, sich ihrer Ziele und Vorstellungen bewusst zu werden, sie zu formulieren, zu verbalisieren. Mit der Versprachlichung entwickeln sie ein inneres Bild dessen, was entstehen soll. Es ist – in den Worten von Kleist – eine „Verfertigung der Gedanken beim Sprechen“ oder Schreiben. Es ist eine Art Denken auf Papier, eine Selbsterklärung.

Damit Menschen den nicht immer unbeschwerlichen Weg im unwegsamen Gelände des Lernens auf sich nehmen, braucht es das Gefühl von Machbarkeit.

Machbarkeit muss man sich vorstellen können. Sie muss sich in Worte kleiden lassen. Denn: „Die Sprache ermöglicht das Fassen der Gedanken in Begriffe. Sie ist damit ein wichtiges Interpretationsinstrument des Gehirns und ein wichtiger Katalysator für das Lernen.“ (Stadelmann 2005) Oder anders gesagt: Die Sprache ist konstitutiv für menschliches Denken, Fühlen und Wissen.

Die Sprache ist ein Faktor, der unsere Kognitionen, Emotionen und damit unser Verhalten bestimmt. Die Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken, mit der Sprache geben wir dem Denken eine Richtung.

Das heisst unter anderem: Lernende müssen in eigenen Worten – also mit ihren eigenen gedanklichen Konstruktionen – ein Bild dessen zeichnen können, was das Ergebnis ihres Engagements, was der Lernnachweis, sein soll. Und sie müssen sich vorstellen können, wie sie den Erfolg bewerkstelligen wollen.

So liegt denn der Schluss nahe: „Für das Selbstmanagement im späteren Leben ist es für junge Menschen wichtig, selbst Verantwortung für das Formulieren und Umsetzen von Zielen zu übernehmen. Das Setzen von Leistungszielen und das zielstrebige Verfolgen derselben ist eine Fähigkeit, die bereits in der Schule für alle Unterrichtsfächer bedeutsam und daher systematisch zu schulen ist.“ (Hartmann/Mayr/Schratz 2007)

Denn: Eigene relevante Ziele sind Grundlage autonomen Lernens. Und Autonomie gilt als eines der der universellen menschlichen Grundbedürfnisse. Deci und Ryan schlagen in ihrer Selbstbestimmungstheorie vor, wie die drei Grundbedürfnisse Autonomie, Kompetenzerfahrung und soziale Eingebundenheit dazu beitragen können, intrinsische Motivation beim Lernen zu erfahren.



Gelingensbedingungen

Für das Können gibt es nur einen Beweis: das TunLernen, verstehen, sich auseinandersetzen, Gebrauchsspuren bilden, das ist an Aktivitäten gebunden. Nicht die Frage nach dem Was steht dabei im Vordergrund, sondern die Frage nach dem Wie. Das Wie bestimmt letztlich das Was. „Wenn nämlich das Was des Wissens vom betreffenden Erkenntnisvorgang, dem Wie bestimmt wird, dann hängt unser Bild der Wirklichkeit nicht mehr nur davon ab, was ausserhalb von uns der Fall ist, sondern unvermeidlich auch davon, wie wir dieses Was erfassen.“ (Watzlawick 1995) Mit anderen Worten: Der Gewusst-wie-Faktor entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Ob es sich nun um Algebra oder um Kommaregeln handelt, ist dabei völlig unerheblich.

Erfolgreich erfahren zu haben, wie etwas geht, gibt Sicherheit und Vertrauen. Und das wiederum sind entscheidende Voraussetzungen, um sich neugierig ins Halbdunkel des Lernens zu begeben. Aus der Könnenserfahrung, der Erfahrung also des Gewusst-wie, entwickelt sich der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Diese Überzeugungen von der eigenen Wirksamkeit bestimmen massgeblich, wie neugierig wir in die Welt schauen, welche Herausforderungen wir annehmen und wie wir an die Dinge herangehen. Auch in der Schule. Die Erfahrungen des Gelingens und der prinzipielle Glaube daran entstehen aus dem Wie. Und diese Gebrauchsspur des Sich-zu-helfen-Wissens wirkt sich fundamental aus auf das Lernverhalten. Denn der Glaube an die eigenen Fähigkeiten setzt die Widerstandsressourcen frei, die es braucht, um sich mit Dingen auseinander zu setzen. Diese Überzeugung entsteht aus Erfolgserlebnissen. Lernende brauchen also den Erfolg. Dazu gibt es keine Alternative. Aufgabe der Schule ist es – zusammen mit den Lernenden - , die Gelingensbedingungen zu organisieren.




Quellen, Ressourcen, Links

Quellen

Hartmann, M./Mayr, K./Schratz, M.(2007). Starke Lernumgebungen schaffen. Neun Methoden zur Unterrichtsentwicklung. In: Friedrich Jahresheft.

Müller, A. (2008). Mehr ausbrüten, weniger gackern. Denn Lernen heisst: Freude am Umgang mit Widerständen. Oder kurz: vom Was zum Wie. hep-Verlag. Bern.

Watzlawick, P. (1995). Die erfundene Wirklichkeit. Piper. München.


Ressourcen

Müller, A./Noirjean, R. (2007). Lernerfolg ist lernbar. 22x33 handfeste Möglichkeiten, Freude am Verstehen zu kriegen. hep-Verlag. Bern.
Set mit Spielkarten, die die Möglichkeit bieten, durch die Kombination von Tätigkeiten und Formen vielfältige Lern- und Verstehensnachweise zu gestalten.


Links

Knopf, D. (2008). Mama hört zu! Psychologie heute, Ausgabe Juni 2008
Media:Mama_hoert_zu.pdf


http://www.selbstverantwortungplus.bildung.hessen.de/material/Newsletter_SVPlus_5.pdf
Newsletter des hessischen Bildungsministeriums zum selbstverantworteten Lernen

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